Von René Drommert

Unser Redaktionsmitglied René Drommert bereiste seine alte Heimat. Das ist der dritte der in zwangloser Folge erscheinenden Berichte über die Begegnung in Ländern, die aus dem Blickfeld der Mitteleuropäer geraten sind.

Riga, fünfzehn Kilometer vom Meerbusen entfernt, wurde im Jahre 1201 von Bischof Albert, der aus Bremen stammte, gegründet. Aber man erinnert sich in Lettland heute nur widerwillig solcher „bourgeoiser“ Zeiten und hat nicht gern in irgendeinem Abschnitt seiner Geschichte etwas den Deutschen zu verdanken. In einem offiziellen und instruktiven Führer durch die Stadt, den der Verlag „Liesma“ (Die Flamme) herausgegeben hat, steht denn auch lediglich vermerkt, Rigas Geschichte umfasse „mehr als 750 Jahre von dem Tage an, an dem der Chronist den Namen der Stadt zum erstenmal erwähnt“. Dabei hätte man die Jahre von der Gründung der Stadt bis zur Drucklegung des Führers unschwer ausrechnen können: 764.

Auf der nächsten Seite steht dann etwas von den „ungebetenen Gästen“, den Kreuzrittern, die in Lettland eindrangen. Gleich darauf werden andere Eroberer abgetan, die Schweden, die von Peter dem Großen geschlagen wurden. Dann wird der Anschluß an Rußland von 1710 gelobt. Kein Wort zum Beispiel darüber, daß Riga 1282 der Hanse beitrat, kein Wort, daß die Reichszugehörigkeit bis 1582 dauerte, daß die alte deutsche Verfassung Rigas erst 1889 aufgehoben wurde. Vermerkt wird, daß Riga 1918 bis 1940 die Hauptstadt der Republik Lettland war. Oft hörte ich, daß die Jahre des Staatspräsidenten Ulmanis (1934 bis 1940) als faschistisch bezeichnet werden.

Das tatsächlich nationalistisch-autoritäre Regime damals richtete sich übrigens gegen zwei Gruppen der Bevölkerung, die nicht allzu viel miteinander gemeinsam hatten: gegen die Kommunisten und gegen die Deutschbalten, die oft auch summarisch-vereinfachend die baltischen Barone genannt werden.

Im Ersten Weltkrieg, als die Deutschen Riga belagerten (1915 bis 1917), war es bei hohen Strafen verboten, in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Sogar in den deutschen Schulen wurde der Unterricht in Fächern wie Geschichte, Biologie, Erdkunde nicht deutsch, sondern russisch erteilt. Nach der „bourgeoisen“ Zeit war es dann Verrat an der neuen Gesellschaftsordnung, wenn man jemanden, selbst ohne jede provokatorische Absicht, mit „Gospodin“ (Herr, russisch) oder mit „Kungs“ (lettisch) anredete. Jetzt ist, und das nicht erst neuerdings, im Baltikum, wie auch sonst in der SU, solch eine Anrede, mit der man Ausländer begrüßt, ein Zeichen der Höflichkeit und Distinktion.

Auf dem Flughafen in Riga wurde ich bei meiner Ankunft von einer Lettin, die mich abholte, temperamentvoll weder mit „Gospodin“ noch mit „Kungs“ angeredet, sondern mit „Mister Drommert“: für mich ein winziger Wermutstropfen in der Freude des Wiedersehens mit Riga. Aber das konnte sie, die es gut meinte mit mir und ihren Sprachkenntnissen, natürlich nicht ahnen.