Donnerstag, 5. September, 1. Programm

Eine melancholische Woche: Immer weniger Bilder aus Prag, das Filmen dort ist mühsam geworden, die Leute wenden sich ab, und der listige Schwejk zeigt die andere Seite, zuckt mit den Achseln, spielt den Unverständigen, spannt Tarnnetze aus, verbirgt sich darunter und variiert zum hundertsten Male das Brecht-Gedicht von dem Bauschragen, dessen eiserne Teile im Sturmwind zerbrechen, während sich die hölzernen biegen und halten: ein Gleichnis der Schwejks und der Panzer; immer weniger Bilder aus Preßburg und Prag, das Dokument tritt hinter der Deutung zurück, schon ist Persien, das Erdbeben und der Schah inmitten der Bauern, wichtiger als Pilsen und Brünn; der Zuschauer weiß: Jetzt sind sie endgültig allein, die Schlagzeilen-Leute von gestern, jetzt herrscht da ein Klima, das, anders als Leidenschaft und grelle Verzweiflung, das Weinen am offenen Grab und der Sturmschritt der Demonstrationen, ein Feind der Kameras ist – die Resignation. Uwe Seeler löste Dubček ab, der Alltag verlangte sein Recht, golden war wieder der Schuß, statt Breschnjew spannte Vico den Bogen, und Ulbricht, in einem Interview des niederländischen Fernsehens, pries die Blütenpracht Haarlems, pries Hollands Museen, van Dyck und die Tradition der Arbeiterbewegung in unserem Land, die zu Silvester ihre Neunte Symphonie haben wolle. (Wir betreten freudetrunken ... sangen’s auch die Soldaten?)

Und dann ein Fernsehspiel, das in vertrauter Weise begann: Am Straßenrand die neurotische Jüdin, Eltern anno 39 emigriert, sie aber heimgekehrt, die Kanadierin, als Journalistin nach Deutschland, sie, die im Flugzeug dem alten Nazi, im Polizeirevier den Dirnen und dem Arzt mit der SS-Visage begegnet, der sperrt sie ein in eine Landesheilanstalt und redet von Rauschgift, nur weil sie am Schenkel ein paar blaue Flecken hat. Reihte sich da nicht Klischee an Klischee, in diesem Fernsehspiel Sabina Englender (Autor: Franz Geiger; Regie: Rainer Wolffhardt), schien nicht alles genau dem bekannten Schema zu folgen: Erst sperren sie das Mädchen ein, und wenn sie hören, daß das Mädchen eine Jüdin sei, bemühen sie den Bruder Irrtum und die Schwester Fehlleistung und waschen die Hände in Unschuld? Der Betrachter am Bildschirm schien seiner Sache schon sicher zu sein, glaubte den tausendundersten, aus der Woche der Brüderlichkeit in Spätsommerzeiten verschlagenen Film vor Augen zu haben, schön photographiert, sehr poetisch, sehr geschickt in der Montierung von Zeitebenen, aber eben doch nur einen etwas besser als gewöhnlich gearbeiteten Wiedergutmachungs-Streifen. (Hauptfiguren: Der ebenso schwache wie halbwegs sympathische Deutsche; der nicht zum Vergeben bereite Jude, fanatisch, aber tragisch umflort; zwischen den beiden, in Schillerscher Lage, das Mädchen.) Und dann kam alles ganz anders, das Mädchen war wirklich krank, der zynische Polizeiarzt hatte wider Erwarten (wenngleich auf falscher Fährte und mit brutalen Methoden) das Rechte getroffen; das Klischee Wenn ein Jude leidet, dann nur an Deutschland sah sich entlarvt – und diese Volte hatte, didaktisch und artistisch, so große Überzeugungskraft, daß man dem Stück darüber manche Kraßheit, den eindimensionalen Bruder und den einen Davidstern pinselnden Polizeiarzt und überhaupt die ganze phantastische Einweisungsstory verzieh. Eine einzige ingeniöse Pointe macht da manchmal aus einem vordergründigen Traktat ein parabolisches Lehrstück. Momos