Porträt: Helga Merkel

Sie ahnen gar nicht, was Speiseeis für eine komplizierte Sache ist!“ Die neue Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Gesundheitswesen – eine Position, die in Bonn für Frauen bislang nahezu tabu war – betrachtet sich nicht als Proporz-Dame. Sie will keine Sonderstellung einnehmen. Sie glaubt vielmehr, von ihr werde das Einpendeln einer „vernünftigen Balance“ zwischen Sachkenntnis und politischer Klugheit erwartet.

Um jenes Fachwissen zu erwerben, das Helga Merkel – bis zum 1. August geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AGV) – auf ihrem neuen Posten zu brauchen glaubt, stapeln sich auf ihrem Schreibtisch und darum herum Hefte, Bücher und Akten. Ihre Abteilung II – Lebensmittelwesen und Veterinärmedizin – gliedert sich nämlich in zwei Unterabteilungen und 13 Referate, darunter so komplexe Bereiche wie „Hygiene und Chemie der Getränke und Bedarfsgegenstände“ und „Tierärztliche Fragen des Arzneimittelwesens“.

Verfügt über Beziehungen

Ein Anruf der Frau Bundesgesundheitsminister Käthe Strobel, SPD, war im Mai dieses Jahres jener zündende Funke, der schließlich die attraktive Vierundvierzigjährige von der Verbraucher-Lobby in die Amtsstuben der Exekutive führte. Der Gesundheitsministerin war damals zu Ohren gekommen, daß die langjährige SPD-Genossin Helga Merkel in diesem Jahr erstmalig damit begonnen hatte, sich intensiv der Frauenarbeit in der Partei zu widmen. Politische Auguren erkannten scharfäugig, daß die prominenteste deutsche Berufs-Verbraucherin sich um einen Wahlkreis oder einen günstigen Listenplatz für die nächstjährigen Bundestagswahlen bemühte.

„Ich bin wirklich froh, daß mir dieses hier eingefallen ist“, sagt Frau Strobel heute. „Dieses hier“ – das ist der Abteilungsleiterposten im Gesundheitsministerium. „Dieses hier nämlich“, sagt sie, „war zu realisieren.“ Die erste Dame in der Bundesregierung erwartet nun von der ersten Dame in ihrem Ministerium „Einfluß, Ausnutzen ihrer während der früheren Tätigkeit erworbenen Beziehungen und Kenntnisse“.

In der Tat gelang es unter der Ägide Helga Merkels, die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände aus einem Dornröschendasein am Rande Bonns – man saß damals in Beuel auf der „falschen“ Seite des Rheins – in ein schlagkräftiges Instrument der Verbraucher-Lobby zu verwandeln. Die gewonnene Schlagkraft zeigte sich auch rein räumlich: die AGV domiziliert heute in Lengsdorf bei Bonn, unter der Dunstglocke des Bundeswirtschafts- und des Ernährungsministeriums.