Hamburg

Die meisten Passanten fanden nichts Bemerkenswertes mehr im Schaufenster der Hamburger Buchhandlung Weitbrecht und Marissal. Einige nahmen vielleicht wahr, daß sich fast alle der ausgestellten Bücher mit dem Dritten Reich beschäftigten – aber Grund zum Stehenbleiben war das nur noch für wenige. Anders in der vergangenen Woche.

Am vergangenen Mittwoch stand im Schaufenster eine Stellage mit sechs großen Hitler-Bildern. Sie sollten die Passanten auf den kürzlich im Wegner-Verlag erschienen Bildband mit vielen – im Dritten Reich verbotenen – Bildern des „Führers“ aufmerksam machen. Aber die Konterfeis des „Führers“ blickten nur drei Tage auf die Hamburger: Am Freitag kam die Kripo und nahm sie mit.

Kriminalkommissar Kummer überreichte dem Inhaber der Buchhandlung, Edgar Marissal, seine Visitenkarte und bat um die Aushändigung der Stellage, da ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen den Paragraphen 86 a des Strafgesetzbuches eingeleitet sei. Nach diesem Paragraphen ist es verboten, Symbole der NS-Zeit, zu denen auch Bilder des „Führers“ gerechnet werden, zu publizieren.

Auf Grund dieses Paragraphen war im vergangenen Jahr auch eine Ausgabe der Deutschen National- und Soldatenzeitung beschlagnahmt worden: Man hatte nach dem Israel-Krieg dem Bild des israelischen Verteidigungsministers Moshe Dayan ein Bild Hitlers gegenübergestellt.

Einen Beschlagnahmebeschluß hatte Kommissar Kummer zwar nicht, aber seine Bitte war nicht vergebens. Zusätzlich kaufte er dann noch den Bildband über Hitler, dem die Photos auf der Stellage entnommen waren.

Das Schaufenster war am Mittwoch letzter Woche kaum dekoriert, als sich auf dem engen Bürgersteig in der Hamburger Innenstadt die Passanten drängten. Sie blickten auf die großen Photos und lasen die Führerworte: „Und willst du nicht ein Deutscher sein, dann schlag’ ich dir den Schädel ein.“