Der Autor dieses Artikels, ein junger Münchner Historiker, wird demnächst ein Buch über „Besatzungspolitik, Kollaboration und Widerstand im Protektorat Böhmen und Mähren“ veröffentlichen.

Der Flug des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Svoboda nach Moskau hat die Erinnerung an den März 1939 heraufbeschworen, als ebenfalls ein tschechischer Präsident in die Hauptstadt einer benachbarten Großmacht reiste, um eine erträgliche Lösung für sein Volk auszuhandeln. Als Dr. Emil Hácha damals in Berlin eintraf, waren die ersten Verbände der deutschen Wehrmacht schon auf dem Marsch. Háchas Order an die Armee, den einrückenden Truppen keinen Widerstand entgegenzusetzen, war ebenso vernünftig wie jetzt Svobodas gleichlautender Befehl. Ob aber Präsident Hácha das Recht hatte, Hitlers Willkürakt durch seine Unterschrift unter ein „Abkommen“ den Schein der Legalität zu geben, ist bis heute fraglich geblieben.

Entsprechend diesem Abkommen legte Hácha „das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“, während Hitler versprach, „das tschechische Volk unter den Schutz des Deutschen Reiches zu nehmen und ihm eine seiner Eigenart gemäße autonome Entwicklung seines völkischen Lebens zu gewährleisten“. Doch diese „Autonomie“ wurde am nächsten Tage nicht etwa durch einen Vertrag zwischen der Prager Regierung und der Reichsregierung, sondern durch einen Erlaß Hitlers definiert. Danach sollte ein „Reichsprotektor“ die Kontrolle über das „Protektorat Böhmen und Mähren“, die tschechische Regierung und Verwaltung und das tschechische Volk ausüben.

Schon in der Ära des ersten Reichsprotektors, des Freiherrn von Neurath, wurde diese Kontrolle von Monat zu Monat schärfer. Jede Korrespondenz zwischen verschiedenen tschechischen Behörden mußte über den Verwaltungsapparat des Reichsprotektors geleitet werden, Schlüsselpositionen in Verwaltung und Wirtschaft wurden in deutsche Hand überführt, frei gewählte Körperschaften durch ernannte Beiräte ersetzt, demokratisch und national gesinnte Tschechen von ihren Funktionen entbunden und zum Teil verhaftet und getötet.

Die erste Protektoratsregierung, das Kabinett Elias, hatte noch Möglichkeiten, nationalsozialistische Anordnungen zu verhindern oder wenigstens zu verzögern (Judengesetzgebung, Entlassung von ehemaligen Weltkriegslegionären aus dem Staatsdienst). Jenes Kabinett aber, das im Januar 1942 von Neuraths Nachfolger, dem SD-Chef Heydrich, eingesetzt wurde, war eine reine Marionettenregierung. Ein deutscher Beamter wurde als Minister in das Kabinett delegiert. Immerhin ersparte auch diese Marionettenregierung dem tschechischen Volk ein faschistisches Regime nach der Art der kroatischen Ustascha oder der ungarischen Pfeilkreuzler. Die tschechischen Minister beugten sich dem deutschen Druck, wenn es nicht zu vermeiden war, doch wußte die Bevölkerung, daß in der Regierung pragmatische Kollaboranten, keine ideologischen saßen. Das sicherte ihr ein gewisses Maß an Autorität im Volk.

Der Regierung stand eine neugegründete tschechische Einheitspartei zur Seite, zu der sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bekannte, so daß die Anmeldungen zur Partei in manchen Gebieten den Charakter einer Volkszählung erhalten hatten. Die Ämter innerhalb dieser Einheitspartei wurden entsprechend den Mandaten der ehemaligen Parteien verteilt, sodaß der Zentralausschuß zu einer Art Ersatzparlament wurde. Diese Partei konnte sich besser als die Regierung den jeweiligen deutschen Forderungen anpassen. Zwar mußte sie Vertreter faschistischer, antisemitischer und „aktivistischer“ (also zur Zusammenarbeit mit den Deutschen bereiter) Gruppen aufnehmen, konnte jedoch deren Initiativen unwirksam machen, da die Vertreter der ehemaligen demokratischen Parteien die Mehrheit hatten und den Parteiapparat beherrschten.