Gestern noch schien es im Schoß der ferneren Zukunft zu schlummern; morgen vielleicht schon kann es Wirklichkeit sein. Gleichsam über Nacht ist die „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“ – die Weiterzahlung des vollen Bruttoverdienstes durch die Arbeitgeber auch an erkrankte Arbeiter, wie das jetzt schon bei den Angestellten üblich ist – auf die Bonner Bühne gespielt worden. Und diesmal kann es damit sogar ernst werden.

Einem alten Brauch folgend haben die Arbeitgeberverbände zunächst einmal nein gesagt. Nach ihrer Meinung könne nur die Übernahme der Nettolohnkosten durch die Arbeitgeber in Frage kommen; und das auch nur im Rahmen einer umfassenden Reform der gesetzlichen Krankenversicherung.

Das kategorische Nein der Arbeitgeber ist zwar verständlich; immerhin würde die Realisierung dieses Projektes die Wirtschaft, nach eigenen Berechnungen, gute vier Milliarden Mark im Jahr kosten. Ob dieses Nein freilich auf die Dauer überzeugend durchzuhalten sein wird, steht auf einem anderen Blatt.

Über die volle arbeitsrechtliche Gleichstellung der Arbeiter mit den Angestellten im Krankheitsfall wird nun schon seit Jahren geredet. Im Grunde ist man sich wohl im Prinzip auch einig darüber, daß die soziologischen Gegebenheiten eine unterschiedliche Behandlung von erkrankten Arbeitern und erkrankten Angestellten nicht mehr rechtfertigen. Wenn dennoch die verschiedenen Lohnfortzahlungs-Kampagnen der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, so lag das daran, daß die Unternehmer bei ihrem Widerstand gegen eine entsprechende gesetzliche Regelung neben sozialpolitischen vor allem gewichtige wirtschaftliche Einwände geltend machen konnten.

Hier hat sich aber nun doch einiges von Grund auf geändert. Der Konjunkturaufschwung ist da. Und er ist nicht nur da; er hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die erheblich über die Erwartungen hinausgehen, die wir noch vor einem halben Jahr mit Fug und Recht hegen durften.

Das ist gewiß erfreulich; Niemand auch wird es der Wirtschaft mißgönnen, daß sie nach der Durststrecke der Rezession in voller Breite wieder in die Zone üppiger Gewinne hineinmarschiert; aber wenig stichhaltig ist damit das Argument geworden, daß die Wirtschaft durch die Zahlung des vollen Bruttolohnes an erkrankte Arbeiter in finanzielle Bedrängnis kommen würde, zumal auch bei zügiger Behandlung dieses Thema in Bonn ein Lohnfortzahlungs-Gesetz frühestens im nächsten Frühjahr wirksam werden könnte.

Die neuesten, revidierten Zahlen der Zielprojektion des Bundeswirtschaftsministeriums, die Wachstumsraten, die darin für dieses und das nächste Jahr angesetzt sind, machen das jedenfalls höchst unwahrscheinlich.