Wie vorauszusehen war, wurde der 9. Kongreß der Industriegewerkschaft Metall in München weitgehend von den Prager Ereignissen bestimmt. Die Gewerkschaft beschloß – gegen einige Stimmen – die Unterbrechung der Kontakte zu den Gewerkschaften der Okkupationsmächte, bis zur Wiederherstellung normaler Verhältnisse. Otto Brenner definierte auf einer Pressekonferenz den Begriff „normale Verhältnisse“ so, daß er auch den Abzug der Besatzungsstreitkräfte zum Inhalt habe.

Auf gesellschafts- und wirtschaftspolitischem Gebiet wurden folgende Akzente gesetzt:

  • Der Gewerkschaftstag war wohl der ruhigste – und auch sachlichste – Kongreß in der Nachkriegsgeschichte der Metallgewerkschaft. Die Rücksicht auf die in der Regierungs Verantwortung stehende SPD war unverkennbar. Auch die auf früheren Kongressen üblichen Ausfälle gegen die Arbeitgeber und die unternehmerische Wirtschaft überhaupt hielten sich in Grenzen.
  • Die Einführung der qualifizierten (paritätischen) Mitbestimmung in allen Kapitalgesellschaften der Wirtschaft bleibt nach wie vor Hauptforderung der Gewerkschaft. Der Vorschlag einiger Diskussionsredner, die Mitbestimmung durch Streik zu erzwingen, wurde dahin abgemildert, daß die Gewerkschaft sich, nach dem Beispiel der Bauernverbände, notfalls das Recht nehmen werde, durch „Demonstrationsstreiks“ die Ernsthaftigkeit dieser Forderung zu unterstreichen. Außenminister und SPD-Vorsitzender Willy Brand sagte der Gewerkschaft zu, daß seine Partei in der Mitbestimmungsfrage noch in dieser Legislaturperiode die parlamentarische Initiative ergreifen werde.
  • Die Gewerkschaft steht mit ihren führenden Kräften loyal zur konzertierten Aktion. Brenner unterzog die konzertierte Aktion zwar einer kritischen Sonde, verteidigte sie dann aber sehr bestimmt, als von einigen Delegierten gefordert wurde, sie aufzukündigen.
  • An die Stelle des aus Altersgründen ausscheidenden zweiten Vorsitzenden der Gewerkschaft Alois Wöhrle ist der bisherige Landesbezirksvorsitzende des DGB von Baden-Württemberg, Loderer, getreten. Loderer gilt als präsumptiver Nachfolger von Otto Brenner, der sich auf dem nächsten IG-Metall-Kongreß aus Altersgründen verabschieden wird. Loderer ist, wie in der Kulisse zu hören war, „strammes“ SPD-Mitglied und gehört dem linken Flügel der Partei an.
  • Das Stimmenverhältnis bei der Wahl Brenners zum Ersten Vorsitzenden zeigte, daß der gemäßigte Kurs, den die Gewerkschaft auf diesem Kongreß eingeschlagen hat, auf Widerspruch in den unteren Funktionärsrängen stößt. Für Otto Brenner sprachen sich von den 403 Delegierten 358 aus. Das sind 38 Stimmen weniger als vor drei Jahren. kr