Von Reinhard Kühnl

Franz Neumann: „Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten 1950–1960. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur einer politischen Interessenpartei“; Marburger Abhandlungen zur politischen Wissenschaft, hrsg. von Wolfgang Abendroth, Bd. 5; Verlag Anton Hain, Meisenheim/Glan; 558 Seiten, brosch. 66,– DM.

Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (genannt Be-Ha-E): 1950 in den „Flüchtlingsländern“ Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern gegründet, alsbald bedeutsame Kraft im Parteienfeld der Bundesrepublik und Koalitionspartner in Landesregierungen und in Bonn, seit Mitte der fünfziger Jahre in einem rapiden Zerfallsprozeß begriffen und schließlich Partner in jenem Bündnis der Gescheiterten, zu dem sich die Reste der Deutschen Partei, des Blocks und der Deutschen Reichspartei unter dem Namen Nationaldemokratische Partei Deutschlands im November 1964 zusammenschlössen, um seither einen neuen Aufstieg zu erleben – in der Tat eine abwechslungsreiche Geschichte und ein reizvolles Studienobjekt für die Politische Wissenschaft, die dieses Phänomen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären hat.

Der Verfasser der vorliegenden Studie ist Assistent an der Abteilung für Erziehungswissenschaft der Universität Gießen (also nicht identisch mit dem berühmten Politikwissenschaftler Franz Neumann, der vor 1933 an der Hochschule für Politik in Berlin und dann an der Columbia Universität in New York lehrte). Die Fülle von wohlsystematisierten und aussagekräftigen Statistiken, Tabellen und Kurven verrät, daß der Verfasser von Hause aus eigentlich Mathematiker ist. Aber sie zeigt zugleich, wie sorgfältig und umfassend er das Material über seinen Gegenstand gesammelt hat.

So gelingt es Neumann, der sich vor allem auf Materialien der Führungsstäbe des Blocks stützen kann, ein außerordentlich differenziertes und detailliertes Bild von der Geschichte und Struktur dieser Partei zu entwerfen. Obgleich selbst Heimatvertriebener – dies hat den Kontakt mit den Parteispitzen sicherlich erleichtert –, bringt Neumann doch die nötige Distanz auf, um die Partei seiner „Landsleute“ kritisch zu untersuchen.

Unter den Dokumenten, die Neumann verarbeitet hat, befinden sich einige ausgesprochen pikante Stücke, die Auskunft über jenen Bereich geben, der sonst vor den Augen der Öffentlichkeit wohlverwahrt wird: über die Herkunft der Finanzmittel. Da die Mitglieder des Blocks trotz ihrer relativ hohen Zahl von über 100 000 nur geringe Beiträge aufbrachten, war die Partei in hohem Maße auf Spenden aus der Industrie angewiesen, mit denen ihre streng antisozialistische Haltung zugleich belohnt und gefestigt wurde.

Das eigentliche Verdienst des Blocks sieht Neumann darin, daß er eine Radikalisierung der Heimatvertriebenen nach rechts, die angesichts ihrer sozialen Lage durchaus möglich gewesen wäre, verhindert und ihre zunächst nur langsam voranschreitende soziale Integration durch Beschleunigung des Lastenausgleichs und anderer Hilfen gefördert habe. Gemäß objektiver Konsequenz schaufelte sich die Partei damit ihr eigenes Grab: Sobald die Heimatvertriebenen in die Gesellschaft der Bundesrepublik einigermaßen integriert waren, wandten sie sich vom Block ab und den großen politischen Parteien zu. Am Ende erhielt der Block nur noch die Stimmen der Alten, denen eine Anpassung am die neuen Verhältnisse am schwersten fiel.