Von Hellmuth Karasek

Wer de Gaulles Brot ißt, der muß auch de Gaulles Lied singen. Und der General vergißt und verzeiht nicht, wenn man dabei während der Mai-Revolution vorübergehend aus dem Takt gekommen war. Nach den Rundfunk- und Fernsehleuten der ORTF, die ihren Streik für eine weniger de-Gaulle-abhängige Nachrichtengebung inzwischen mit ihrer Entlassung quittiert bekommen haben, hat diese Erfahrung auch Jean-Louis Barrault machen müssen. Dem weltweit bekannten Mimen und Schauspieler (Les Enfants du Paradis) ist jetzt ein knappes Kündigungsschreiben des französischen Kulturministers Malraux zugestellt worden: darin wird Barrault in dürren Worten mitgeteilt, er sei von seiner Aufgabe als Direktor des Staatstheaters Odéon entbunden. Grund: „verschiedene Äußerungen“ Barraults während der Mai-Ereignisse.

Der General also hat sich auch in diesem Fall gerächt. Jean-Louis Barrault aber hat seinen Direktorensessel im Odeon mit jener mißlichen Lage zwischen den Stühlen vertauscht, in die er sich schon während des Pariser Mai manövriert hatte.

Damals stürmten Studenten und eine Gruppe von Schauspielern der Theater der Rive Gauche das in Universitätsnähe gelegene Odeon-Théâtre de France, in dem gerade das alljährliche Festival des „Theaters der Nationen“ stattfand. Barrault versuchte zunächst zu retten, was zu retten war. Er versicherte die Odéon-Stürmer seines vollen Verständnisses, bat sie jedoch, das Theater der Nationen nicht zum Erliegen zu bringen.

– Aber für solche Kompromisse zwischen Aufstand und Spielplan war es schon zu spät. Während die Tricolore über dem Odeon von den roten Fahnen der Revolution und den schwarzen Fahnen der Anarchie abgelöst wurde, avancierte das Haus zum permanenten Revolutionstribunal, zur Dauerrednertribüne der Mai-Revolte. Von diesen Ereignissen wurde Barrault mitgerissen. In einer hitzigen nächtlichen Diskussion, die Cohn-Bendit leitete, legte Barrault sich höchstpersönlich zum alten Eisen: indem er den Studenten die Zukunft zuerkannte, erklärte er sich selbst für „tot“. Als sich wenige Tage später in Villeurbanne in Roger Planchos weltbekanntem Vorstadttheater von Lyon die revolutionären Theaterleute Frankreichs trafen, war auch Barrault bei ihnen, gab harte Erklärungen gegen Malraux ab und schlug vor, das Odeon zu einem Theater der Universität umzugestalten.

Was dann weiter geschah, führt in ein schier unentwirrbares Gestrüpp der Verstrickungen von Theater und Politik in Frankreich, in dem sich niemand so hoffnungslos verhedderte wie Barrault.

Der Direktor des Odeon mußte zunächst erfahren, daß die Studenten an seinem theatralischen Angebot gar nicht interessiert waren. Schon anfangs, bei der Erstürmung des Odéon, hatten Barrault-treue Schauspieler den studentischen Revolutionären mit Recht vorwerfen können, daß die Studenten nichts für Barraults Theater getan hätten, als es von radikalen Rechten handgreiflich bedrängt wurde, weil es Genets „Wände“ aufgeführt hatte.