Es gibt eine Art von Biographie, die, so möchte man meinen, nur im Raum der Donaumonarchie, zwischen Salzburg, Prag und Wien entstehen kann: Egon Schiele wurde am 12. Juni 1890 als Kind eines Bahnbeamten im Stationsgebäude von Tulln an der Donau geboren, verbrachte als Kind seine Zeit am liebsten mit Papier und Bleistift ("Bleistifte", so berichtete die Mutter später, "hatte er stets versteckt bei sich"), kam im Alter von sechzehn Jahren trotz der Einwände seines Vormunds (der Vater war gestorben) an die Akademie der Schönen Künste nach Wien, nahm an der "Kunstschau" von 1909 teil und wurde von Kritik und Publikum als ein von krankhaften Vorstellungen Besessener abgetan, haßte Wien wie einst Mozart Salzburg ("In Wien ist Schatten, die Stadt ist schwarz"), kam 1912 wegen "Anfertigung unsittlicher Zeichnungen" vierundzwanzig Tage lang in Haft, wurde, nach Erfolgen in München und Berlin, im Frühjahr 1918 zur 94. Jahresausstellung der Wiener Secession eingeladen.

Diese Ausstellung, auf der außer Zeichnungen von seinen neunzehn gezeigten Ölbildern fünf verkauft wurden, machte Schiele von einem Tag zum anderen zum gefeierten und, verglichen mit seiner Situation vorher, wohlhabenden jungen Künstler, dem die Welt offen stand. Im Herbst desselben Jahres erkrankte Egon Schiele an der durch den Krieg in Österreich eingeschleppten Spanischen Grippe und starb am 31. Oktober im Alter von achtundzwanzig Jahren, vier Tage nach seiner Frau, die gerade das erste Kind erwartete.

In Wien gedenkt man in diesem Sommer nicht nur des fünfzigsten Todestages von Egon Schiele (mit drei Ausstellungen), sondern auch des fünfzigsten Todestages seines Lehrers Gustav Klimt, der, achtundzwanzig Jahre älter als sein Schüler, im gleichen Jahr starb wie dieser. Während aber aus diesem Anlaß das Werk Gustav Klimts in einem der exquisitesten Bände, die es überhaupt in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt gegeben hat, präsentiert wird (erschienen im Verlag der Galerie Welz, Salzburg), beschränkte sich der Publikationseifer in Sachen Schiele auf eine Neuauflage des bereits 1930 erschienenen Werkes von

Otto Kallir: "Egon Schiele", Oeuvre-Katalog der Gemälde; Verlag Paul Zsolnay, Wien; 559 S., 300,– DM.

Wer weiß, wie viele Pseudo-Prachtbände mit oder ohne gedenktäglichen Vorwand heutzutage in Windeseile zusammengestellt werden, der ist froh über diese Beschränkung.

In diesem Band nehmen Einleitung, ein Exkurs über Leben und Werk Schieles, Otto Beneschs Rekapitulierung verlorengegangener Bilder und Thomas M. Messers Bericht über die Aufnahme von Schieles Werk in Amerika genau 39 von insgesamt 559 Seiten ein. Für herausgeberische Eitelkeiten und interpretatorische Akrobatik ist da kein Platz, um so mehr für Schieies Werk: dokumentarisches Material (zum großen Teil in Faksimiles), ein Verzeichnis der Signaturen, ein Ausstellungsverzeichnis, eine Bibliographie, ein chronologisch und ein alphabetisch geordnetes Bildverzeichnis sowie ein Katalog der 245 erhaltenen und 50 verlorengegangenen Gemälde machen diesen Band zur, immer noch, derzeit wichtigsten Publikation über Schiele überhaupt.

Von den impressionistischen Anfängen des Sechzehnjährigen über die von Klimt und dem Kreis der "Wiener Werkstätten" beeinflußten Jahre, den expressionistischen Gestus der Porträts um 1910/13, die hochgespannte Sensibilität seiner Landschaftsbilder bis hin zu seinem letzten Bild, der "Familie" (ein Mann, der deutlich Schieies Züge trägt, dazu Frau und Kind: Schiele nahm hier voraus, was nie Realität werden sollte), addieren sich die Belege zu einem Oeuvre, das (bedenkt man zum Beispiel den maßlosen Ruhm, den sein Generationsgenosse Kokoschka auf sich ziehen konnte) in seinen wirklichen Dimensionen noch gar nicht wahrgenommen wurde.

Das Buch von Otto Kallir ist die beste, kompetenteste Information, die es bisher gibt. Aber (und abgesehen einmal davon, daß dieser Band ein Katalog der Gemälde eines Künstlers ist, der doch wohl in erster Linie Zeichner war): das sowohl kritische wie umfassende Standardwerk über Egon Schiele, den vielleicht genialischsten Maler im Österreich des zwanzigsten Jahrhunderts, steht noch aus. Petra Kipphoff