Unser Kritiker sah:

Freiluftspiele auf Sommerbühnen

„Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende.“ Der Theaterwinter hat uns wieder. Im Sommertheater bezeichneten sich allzu viele Veranstaltungen als Festspiele. Zwischen dem ganz Oben der Großen von Bayreuth und Salzburg und dem ganz Unten der Laienbühnen erhebt eine dritte Gruppe künstlerische Ansprüche. Ich sah davon die Aufführungen in Bad Hersfeld, Bad Gandersheim und Schwäbisch-Hall, auf der Götzenburg zu Jagsthausen und vor dem Kreuzgang von Feuchtwangen, außerdem früher Aufführungen auf der „Luisenburg“ bei Wunsiedel, im Heckentheater von Herrenhausen-Hannover, im Schloßpark von Eutin (Oper), in Bregenz (Seebühne) und Salzburg.

Die gemeinsamen Merkmale jener sommerlichen Festspiele, die man ehemals Freilichtspiele nannte, lassen sich etwa folgendermaßen fixieren: Gespielt wird unter freiem Himmel, aber abends im künstlichen Scheinwerferlicht. Es sind also keine Freilicht-, sondern Freiluftspiele.

Stein des Anstoßes bleibt weiterhin, was den Anlaß für das abendliche Spiel im Freien bildet: die Szenerie. Sie ist vorgegeben durch Natur oder Architektur – die Kirchenruine, die Ritterburg, die Domfassade, die Freitreppe, das Felsenlabyrinth oder eine nach dem Lineal geschnittene Heckenwand. Von solchen Bestandteilen des Spielorts erwarten die Zuschauer „Stimmung“.

Weil es jedoch keine spezifischen Stücke für derlei Festspielbühnen gibt, setzten sich die entschiedensten Inszenatoren des neuen Freiluftspiels, um freie Hand bei der Stückwahl zu haben, über das sentimentale Stimulans hinweg: Friedrich Siems über Felsen und Fichten der Wunsiedeler „Luisenburg“, William Dieterle und Ulrich Erfurth über sakrale Gedankenverbindungen, wie sie von der Hersfelder Kirchenruine für denjenigen angeregt werden mögen, der nicht weiß, daß dieses kunstgeschichtliche Juwel früher auch als Pulvermagazin und Pferdestall gedient hat.