Der erste Juli kam, wurde gefeiert und ist fast schon wieder vergessen. Offiziell ist die EWG in den Rang einer Zollunion erhoben worden, aber zehn Jahre europäischer Zusammenarbeit haben nicht die tiefgreifenden Veränderungen im Denken und Handeln der europäischen Politiker und Wirtschaftsführer bewirkt, die sich die Väter der Römischen Verträge erhofft haben. Statt dessen verhängte Frankreichs Regierung am gleichen Tag, an dem die Zollschranken fielen, Importkontingente.

Europas Industrie kann die Chance einer Zollunion vorläufig nicht voll nutzen. Sie kann sich immer noch nicht frei in einem Großmarkt bewegen, wie ihn ihre amerikanischen Konkurrenten schon seit über einem Jahrhundert kennen. Schon wenige Beispiele verdeutlichen den gegenwärtigen Rückstand der europäischen Wirtschaft. Der Umsatz der vier größten europäischen Autowerke zusammen (VW, Fiat, BMW, Renault) beträgt knapp die Hälfte des Ford-Umsatzes (Detroit) und gar nur ein Drittel des Umsatzes von General Motors. IBM meldete gerade stolz, daß Umsatz und Gewinn des Konzerns im ersten Halbjahr um über 30 Prozent gestiegen sind. Kein großes Unternehmen innerhalb der EWG kann ähnliche Zahlen nennen.

Die Dimensionen der amerikanischen Unternehmen, ihre Kapitalkraft, ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben, veranlaßten die Gründer der EWG, aus den nationalen Volkswirtschaften einen wirtschaftlichen Großraum mit 180 Millionen Verbrauchern zu schaffen, der es mit dem amerikanischen Wirtschaftsgiganten aufnehmen kann. Durch die Mobilität von Arbeit und Kapital, durch die Freiheit des Handels im europäischen Raum sollte eine maximale Produktivitätsentwicklung ermöglicht werden und niedrigste Selbstkosten durch Ausnutzung der Massenproduktion von Großserien erreicht werden.

Aber ist die Konzentration über die Grenzen hinweg gelungen? Gibt es eine großangelegte Kooperation zwischen europäischen Unternehmen, Informationsaustausch, Lizenzvergaben, Koordinierung von Produktionsprogrammen und Vertriebssystemen?

Als eines der größten Hindernisse für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit europäischer Unternehmen, die auf Rationalisierung und Produktivitätssteigerung abzielt, haben sich die nationalen und europäischen Kartellgesetze erwiesen. Die Artikel 85 (Verbot von wettbewerbsbeschränkenden Maßnahmen) und 86 (Verbot mißbräuchlicher Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung) des EWG-Vertrages verursachten erhebliche Unsicherheit bei der europäischen Industrie darüber, welche Formen der zwischenbetrieblichen Kooperation auf europäischer Ebene zulässig sind.

Die erste Anwendung des Kartellverbots (Art. 85) erfolgte im Fall Grundig/Consten. Der vereinbarte Kooperationsvertrag, ordnungsgemäß bei der EWG-Kommission gemeldet, räumte der französischen Firma Consten den Alleinvertrieb mit absolutem Gebietsschutz für Grundig-Geräte in Frankreich ein. Es durfte also kein anderer Grundig-Händler den französischen Markt beliefern. Auf Grund dieser Gebietsschutzklausel wurde der Vertrag im Herbst 1964 von der EWG-Kommission für nichtig erklärt. 1965 wurden andere Alleinvertriebsverträge ohne diese Klausel für rechtens befunden – aber die endgültige Entscheidung im Falle Grundig wurde erst Mitte 1966 vom europäischen Gerichtshof gefällt. Die „Abriegelung“ nationaler Märkte mit Hilfe des absoluten Gebietsschutzes wurde verboten.

Es war damit etwas Licht in das Gebiet der zulässigen vertikalen Kooperation gefallen – soweit diese Zusammenarbeit sich auf Lizenzabkommen und Alleinvertriebsverträge beschränkte. Auf anderen Gebieten, wie beispielsweise Absprachen über eine Zusammenarbeit in der Forschung oder eine Spezialisierung in der Produktion, herrscht noch immer Unklarheit.