Von Dietrich Strothmann

Der eine Vogel, das ist sicher, wurde – trotz allen Wirbels um Pille und Papst – als Präsident des 82. Deutschen Katholikentages in Essen nicht so populär, wie es der andere Vogel bei den Olympischen Spielen 1972 in München gewiß werden wird. Schon heute kennt man den einen besser als den anderen. Denn der eine, der Münchner, steht inzwischen schon mit einigen markanten Zeilen in der Geschichte der Bundesrepublik; der andere, der Mainzer, muß sie erst noch schreiben.

Der Ältere (Hans-Jochen, 42 Jahre alt) machte seinen Jura-Doktor und ist zum zweitenmal Oberbürgermeister von München, der Jüngere (Bernhard, 35 Jahre alt) promovierte in der Politischen Wissenschaft und amtiert seit knapp einem Jahr als rheinland-pfälzischer Kultusminister; Vogel Nr. 1 machte seine ersten bitteren Erfahrungen als Soldat im Kriege und trat darum den Sozialdemokraten bei; Vogel Nr. 2 ließ sich als Student in Heidelberg von Konrad Adenauers Reden überzeugen und ging daher zu den Christlichen Demokraten.

Sie sind ungleiche Brüder, die Vogels, feindliche aber sind sie nicht. Und darum kann es eines Tages, vielleicht schon nach der übernächsten Bundestagswahl passieren, daß bei einer Großen Koalition beide Vogels auf Bonner Ministerstühlen sitzen, der rote wie der schwarze. So kurios, wie diese Phrophezeiung sich heute auch ausnehmen mag, ist sie gar nicht: Beide sind ministeriabel, beide haben das Zeug dazu, groß Politik zu machen – Hans-Jochen Vogel, der nach seiner ersten OB-Wahl Europas jüngstes Stadtoberhaupt einer Millionenstadt war, und Bernhard Vogel, der Deutschlands jüngster Kultusminister ist.

Abgesehen von ihren politischen und organisatorischen Talenten, abgesehen auch von ihren Blitzkarrieren, haben sie auch dies noch gemein: Schlagfertigkeit und Witz. Als Bernhard Vogel 1965 Bundestagsabgeordneter geworden war, sagte seine Münchner Nichte Bärbel (dreieinhalb Jahre) einen Vers auf, den ihr spitzzüngiger Vater gereimt hatte: "Du böser Onkel, du,/kommst von der CDU. / Willst jetzt das Volk regieren, / wirst uns noch schön blamieren." Und der Kirchentagspräsident, aufmerksam gemacht auf den Trubel unter den in Essen versammelten Katholiken um die päpstliche Enzyklika, meinte mit gelassenem Spott: "Morgen im Eheforum werden so viele Menschen sein, daß man nicht einmal eine Pille fallen hört."

Dabei hat ihm das Essener Präsidentenamt reichlich zu schaffen gemacht, wie sonst keinem seiner Vorgänger der 81 Katholikentage. Er war Hausherr für viele Tausend Teilnehmer, für 27 Forumsdiskussionen und für eine Versammlung, in der zum erstenmal Widerstand vor der Unterwerfung rangierte. Bernhard Vogel mußte mit der Polizei, die sich schon zum "Eingreifen" bereit machte, ebenso fertig werden wie mit den antiautoritären Rebellen der KAPO, der "Katholischen Außerparlamentarischen Opposition".

Und er schaffte es, behielt alle Zügel in der Hand: die Ordnungshüter bat er, mehr der Selbstdisziplin der streitbaren Katholiken zu vertrauen als ihren Knüppeln; in das Hauptquartier der Oppositionellen, einer stillgelegten Kohlenhandlung, schickte er eine Abordnung, darunter einen seiner Vizepräsidenten und einen Weihbischof. Er ließ sich auch von seinem Parteifreund, dem ehemaligen Familienminister Franz-Josef Würmeling, nicht aus der Fassung bringen, der in Essen zeterte: "Erst verrät der Vogel in Rheinland-Pfalz die Konfessionsschule, jetzt verrät er den Papst. Aber das ist ja kein Wunder, wo sein Bruder bei der SPD ist."