Und einen anderen Satz ließ der Papst den deutschen Katholiken übermitteln: „Im Gehorsam gegen das Gesetz Gottes mußten Wir in Unserem Rundschreiben ‚Humanae vitae‘ ein ernstes, aber väterliches Wort zu den Werten des menschlichen Lebens, zur Würde der Ehe und der personalen Liebe sagen. Die überwiegende Mehrheit der Kirche hat Unser Wort mit Zustimmung und Gehorsam aufgenommen ... Möge die lebhafte Diskussion, die Unser Rundschreiben entfacht hat, zu einer besseren Erkenntnis des Willens Gottes führen!“

Nicht weil sie die Werte des menschlichen Lebens, die Würde der Ehe oder der personalen Liebe verkennten oder ablehnten, hatten die deutschen Bischöfe bei ihrer Konferenz in Königstein/Taunus eine Woche vor dem Katholikentag den Gläubigen die Möglichkeit eröffnet, „aus ernst zu nehmenden Gründen von der päpstlichen Entscheidung abweichen“ zu können, wenn sie „bei der Gewissensbildung die Überwindung subjektiver Willkür und die persönliche Bereitschaft zur kritischen Selbstprüfung“ zeigten. Achtundvierzig Stunden, bevor der Kardinal die Papstbotschaft verlas, stimmten bei einem Diskussionsforum des Katholikentags 5000 Männer und Frauen, Laien und Priester nach „Gewissensbildung“ und „kritischer Selbstprüfung“ gegen 90 Stimmen und 56 Enthaltungen einer Resolution zu:

„Die Teilnehmer des 82. Deutschen Katholikentags in Essen 1968, die an zwei Tagen über das katholische Verständnis der Ehe beraten haben, sind mit großer Mehrheit zu der Überzeugung gekommen, daß sie der Forderung nach Gehorsam gegenüber der Entscheidung des Papstes in Fragen der Methoden der Empfängnisverhütung nach Einsicht und Gewissen nicht folgen können. Sie halten es für unbedingt erforderlich, daß eine grundsätzliche Revision der päpstlichen Lehre in diesem Punkt stattfindet. Wenn das Päpstliche Lehramt das tut, braucht es nicht um das Ansehen seiner Autorität zu bangen. Hierdurch können das Lehramt und die ganze Kirche in unserer Zeit nur glaubwürdiger werden.“

Forum mit 1770 Fragen

In der Aula eines Essener Gymnasiums saßen vor rund sechshundert Zuhörern acht Experten auf dem Podium, Priester und Laien, auch eine Ordensschwester Unserer Lieben Frau, die in Berlin eine Schule leitet. „Mitten in dieser Welt“, hieß das Motto des Katholikentages, und die acht dort oben wollten sich über das aufregende und aktuelle Thema unterhalten, ob denn das Neue Testament weltfeindlich sei. Sie und ihr Publikum kannten den dieses Forum betreffenden Teil von insgesamt 1770 Fragen, die ein Redaktionskollegium für den Katholikentag zusammenstellte und als Broschüre dem Programmheft beilegte, Ja-Nein-Fragen eines Bibel-Quiz wie „Orientieren sich christlicher Lebensvollzug und kirchliche Frömmigkeit heute noch weitgehend an einem überholten und zum Teil verneinenden Weltbild?“ oder „Ist nicht eine anthropozentrische Weltsicht für das Neue Testament kennzeichnend?“. Sie hatten zur Vorbereitung am Morgen zwei Vorträge gehört, Reden, die sich später im Berichtsband über den Katholikentag gut lesen werden, der Direktor eines Bibelwerks las über „Die Welt im Wort der Bibel“, ein Theologiedozent fand in der Bibel ein „Ja zur weltlichen Welt“.

Nach einigen Präliminarien unterhielten sich die acht eine Dreiviertelstunde lang über die Technik des Bibellesens (nichts punktuell herausgreifen), über die Askese der Wüstenväter und über das Verhältnis von neutestamentlicher Theorie und mittelalterlicher Praxis – da platzte einem jungen Mann im Publikum der Kragen. Er bat, endlich die Forumsfrage klar und deutlich mit „ja“ oder „Kein“ zu beantworten. Schlagartig war die Diskussion an ihrem Ende, den Leuten auf dem Podium die fromme Luft ausgegangen. Doch der junge Mann hatte selber Fragen.

Er ist Theologe, siebentes Semester in München, er möchte wissen, welche Möglichkeiten die Experten auf dem Podium sehen, für den Menschen von heute den zeitgeschichtlichen Hintergrund der biblischen Parabeln aus dem Text zu lösen und den eigentlichen Wahrheitskern in einer aktuellen Sprache zu definieren; er möchte wissen, wann die Kirche eine freie und öffentliche Diskussion innerhalb der Wissenschaft zuläßt und nicht mehr durch autoritäre Maßnahmen unterdrückt oder ihre Publikation verhindert; er möchte wissen, warum die Kirche Angst vor der Dialogpredigt hat.