Eine Reportage

TOM WOLFE, der junge, in Yale promovierte Reporter, Mitarbeiter führender angloamerikanischer Blätter und jahrelang einer der glanzvollsten Berichterstatter der „New York Herald Tribune“, hat mit seinen originellen, soziologisch fundierten und nicht selten witzigen Berichten über die neue Sub-Kultur Aufsehen erregt, die mehr und mehr das Leben nicht nur der amerikanischen Gesellschaft beeinflußt. Darüberhinaus erkundete er die Statussymbole, mit denen sich die Bürger und die Träger der traditionellen Kultur gegen diesen Aufstand der Plebejer abzuschirmen versuchen: europäische Kinderfrauen, rituelle Gänge zu Kunstgalerien etwa. Wolfe rückt den vielfältigen Erscheinungen dieses neuen American Way of Life nicht gerade mit einem Hausmütterchenwortschatz zuleibe. Der englische „Observer“ nannte ihn das „literarische Äquivalent zu den Pop-Malern“. Die hier veröffentlichte Reportage wird auch in dem ersten Tom-Wolfe-Sammelband enthalten sein, den der Rowohlt Verlag in diesen Tagen unter dem Titel „Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby“ ausliefert.

Picassos Ziege! Der kleine Alexander lümmelt sich mit einem Glas Scotch Whisky in der Hand am Fuße von Picassos unsterblicher Bronze-Ziege. Seine andere Hand ist über die Nase der Ziege gehakt wie ein Kleiderbügel, als beabsichtigte er, für immer an diesem Beuteleuter-Meilenstein moderner Kultur in der Vorhalle des Museum of Modern Art hängenzubleiben. Ein Sakrileg, weiß Gott. Dies ist schließlich Picassos Ziege. Man feiert die Wiedereröffnung des Museum of Modern Art. Das Museum war wegen Renovierungsarbeiten und Anbau eines neuen Flügels geschlossen. In sechs Monaten war alles fertig. Aber die Wiedereröffnung wurde zu einer weiß Gott erstaunlichen Angelegenheit.

Alle, die eingeladen waren, sind gekommen – mit Ausnahme von Salvador Dali –, und man hatte nur bedeutende Mäzene, bedeutende Figuren der Gesellschaft, bedeutende Politiker, bedeutende Künstler und einige Satelliten eingeladen. Tausende, buchstäblich Tausende, ungefähr sechstausend, wälzen sich durch die Räume, drängen und schubsen sich inmitten der Rechtecke, die 1930 modern waren. In den Räumen herrscht ein gelber Dunst wie am Busbahnhof bei den Hafenbehörden am Ende der Ninth Avenue. Alle tragen Abendkleidung oder Kleider mit hoher Taille und starren den kleinen Alexander an, der von Picassos Ziege herunterbaumelt und zurückstarrt. Wie unverschämt! Wie zwitterhaft!

Seltsam genug, gerade Klein-Alexander ist ein Beweis dafür, wie erstaunlich diese Wiedereröffnung des Museum of Modern Art ist. Er gehört zu diesen dünnen jungen Männern, die in Anderthalb-Zimmer-Wohnungen, wie sie in New York heißen, aber mit guter Adresse leben, wie der East 55th Street, und die, wenn sie herbeizitiert werden, reichen, prachtvollen, blendend aussehenden, aber leider alternden Damen als Begleiter dienen. Der Anlaß muß sich schon lohnen, andernfalls machen die Damen sich nicht die Mühe, sich jemanden wie Klein-Alexander kommen zu lassen. Das einzige, worüber er sich Sorgen macht, ist, daß jemand wie sein gegenwärtiger Schützling, Mrs. Annette..., zuviel trinkt und in der Morgendämmerung auf den Gedanken kommen könnte, den schönen Jüngling zur Leidenschaft zu entflammen.

Annette, die in ihrem Kleid wie ein Arthur-Rackham-Paradiesvogel aussieht, ist nach draußen in den Museumsgarten gegangen. Wie eine Seemöwe umkreist sie die eine oder andere erlauchte Gruppe. In der Nähe der neuen schwarzen Tümpel, die auf der Zeichnung des Architekten wie Rechtecke aussehen, steht Saul Steinberg, der Künstler, mit dem Gesicht eines Reinigungs- und Bügelanstaltbesitzers aus der Bronx und unterhält sich mit Zaidee Parkinson – ein schönes Mädchen und Tochter jener Parkinsons, die vor fünfunddreißig Jahren mithalfen, das Museum zu gründen – und mit anderen charmanten Leuten über Gedächtniskunst:

„...und dann 2 und 1 und 4 und 8...“