Von Adolf Metzner

Vier Wochen vor Beginn der XIX. Olympischen Spiele reist unsere Mannschaft schon nach Amerika. Genauer gesagt, ein großer Teil fliegt nach Flagstaff, das nicht weit vom Grand Canyon entfernt liegt und nach Ansicht von Kennern das faszinierendste Naturwunder unserer Welt ist.

Aber nicht etwa aus touristischen Gründen wird dort drei Wochen lang ein Trainingslager aufgeschlagen, ehe es dann endgültig nach Mexico City geht, sondern um die Athleten an die Höhenlage der Olympiastadt anzupassen. Für „Dauerleister“, deren „Arbeitszeit“ nach Minuten oder gar nach Stunden rechnet, sind die 2240 m des Olympiaortes nämlich geradezu extrem hoch.

Warum fährt man aber nicht sofort nach Mexico City und adaptiert sich dort an Ort und Stelle? Außer der nervenzermürbenden Hektik der mexikanischen Metropole werden besonders die Darminfektionen, „Rache der Azteken“ genannt, gefürchtet. Deshalb trifft das Gros der Mannschaft erst acht Tage vor Beginn der Spiele in Mexiko ein.

Die „Kurzleister“, wie sie so schön heißen, deren Arbeitszeit nur nach Sekunden rechnet, kommen zum Teil auch erst so kurz vorher im olympischen Dorf an – für sie wird eine längere Anpassungsperiode nicht für notwendig erachtet. Allerdings gibt es zum Beispiel Reaktionszeitverlängerungen bei einem Höhenaufenthalt über 2000 m in den ersten eineinhalb Wochen, die für Boxer, Fechter und Sprinter negativ ins Gewicht fallen könnten. Aber die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse erfassen oft nur einen Faktor aus dem ganzen Bündel, das die Leistung prägt. Oft werden sie als Theorie durch die praktische Erfahrung über den Haufen geworfen.

Die bundesdeutsche Mannschaft sollte, so las man es vor Tisch, möglichst kleingehalten werden, um jeden störenden Massenbetrieb auszuschalten. Olympiateilnehmer, die von vornherein keinerlei Endkampfchance haben, nehmen oft das Coubertin-Wort „Teilnehmen ist wichtiger als Siegen“ gar zu wörtlich und betrachten dann gern die Olympischen Spiele tatsächlich als besondere Form des Tourismus.

Aber je näher der Abflugtermin heranrückt, um so stärker wurde der Druck der Fachverbände auf das Nationale Olympische Komitee, das die letzte Entscheidung traf und die Tickets vergab.