Die Festspiele dürfen Anspruch erheben auf den dritten Rang in der Weltbestenliste

Von Rudolf Walter Leonhardt

Immer einmal wieder wird die Frage gestellt, ob denn Festspiele und Olympiaden sein dürften, während die Welt im argen liegt. Wahr ist freilich, daß die Musen nie geschwiegen haben, wenn die Waffen tönten. Und das ist gut so: denn irgendwo in der Welt geschieht zu allen Zeiten Gewalt; unsere Zeit erscheint nur gewalttätiger, weil es seit dem Telegraphen und vor allem seit dem Fernsehen kein „hinten weit in der Türkei“ mehr gibt, wo die Völker aufeinanderschlagen können, ohne Spießers Sonntagsruh’ zu stören.

Alle Wege von Deutschland nach Edinburg führen durch das Land des Erzfeindes, der, rücksichtslos Großmachtpolitik treibend, die Schotten wie die Iren jahrhundertelang vergewaltigt hat. Historische Karten von Schottland sind übersät mit den Markierungen „Schlachtfeld“ oder gar „Massaker“ – und immer waren es die Engländer, die da schlachteten und massakrierten.

Diese Engländer sind inzwischen zivilisierter geworden. Die Kunst ist ein wichtiger Weg zur Zivilisation. Sie respektiert keine Grenzen, sie kann durch Macht auf die Dauer weder unterdrückt noch gefördert werden. Sie mag am Anfang auch ihren Vorteil suchen, am Ende sucht sie die Wahrheit.

Da wurde dieser Tage in Edinburg, wo man Sittenstrenge gern noch nach John Knox versteht, ein im College of Art ausgestelltes Bild des jungen Kanadiers Greg Curnoe verstümmelt, weil auf drei von den vierundzwanzig Twenty-four hourly Notes“, aus denen es sich zusammensetzt, sogenannte obszöne Wörter zu lesen waren.

Und da sprach im gleichen Edinburg der schottische Lord MacLeod beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst in der John-Knox-Kathedrale St. Giles über das – wieder einmal in die falsche Diskussion gekommene Obszöne. Und er warnte vor der Obszönität der Naturwissenschaften. Er begründete seine Warnung damit, daß 21 britische Universitäten von Heer und Luftwaffe der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr 240 000 Dollar für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung erhalten und dafür Aufträge entgegengenommen haben wie den, Abwehrmöglichkeiten gegen in Amerika ersonnene chemische Kampfmittel zu entwickeln – damit, so schloß Lord MacLeod, die abwehrbaren ausgeschieden und tödlichere entwickelt werden können!