Die Photographen und Kameramänner sprangen vorwärts, um die letzten Zuckungen des Nigerianers besser aufnehmen zu können. Erst nach einer Minute fiel sein Körper zusammen. Die Exekution war vollzogen; das Todesurteil des Kommandeurs der Dritten Division der nigerianischen Bundestruppen, Benjamin Adekunle, war vollstreckt. Dem Recht war an jenem 3. September auf einem Schulhof kurz vor Port Harcourt Genüge getan worden. War es das?

Der exekutierte Soldat, der 23 Jahre alte Leutnant Macaulay Lamurde, hatte einen Mord begangen. Seine Gruppe hatte am 27. August in dem Dorf Ogwe einen jungen Ibo ergriffen, der sich im Busch versteckt hielt. Der Gefangene, nur mit Shorts bekleidet, bestritt im Verhör, ein biafranischer Soldat zu sein – er sei auf der Suche nach seinen Eltern. Seine Identität wurde nicht mehr geklärt; Lamurde schoß dreimal auf den Gefesselten. Zu alltäglich ist das Sterben im Krieg, um diesen Tod außergewöhnlich erscheinen zu lassen – bis auf den einen Umstand: Ein britisches Fernsehteam hatte die Ermordung gefilmt.

Am 2. September sahen Millionen entsetzter Briten diese Szene im Fernsehen. Und damit war aus der „Privatangelegenheit“ des Leutnants Lamurde ein Politikum geworden. Denn die trockenen, dürren Verlustziffern, die täglich die Öffentlichkeit aus Nigeria erreichen, verschrecken vielleicht, sie erregten Mitleid und sie mobilisierten das Gewissen – aber sie rüttelten nicht so auf wie der Tod dieses einen gefesselten Ibos. Man hörte seine letzten Worte auf englisch, mit denen er bestritt, Soldat Biafras zu sein; und dann sah man, in den Polstern des Fernsehsessels lehnend, wie sein Leben ausgelöscht wurde. Sinnlos, überflüssig und brutal wirkte die Handlung des Leutnants Lamurde.

Die Regierung in Lagos sah offensichtlich die Gefahr: Die britische Regierung, größter Waffenlieferant Nigerias, könnte jetzt unter noch stärkeren moralischen Druck der Öffentlichkeit gesetzt und gezwungen werden, die Hilfslieferungen für die Zentralregierung einzustellen. Um dies zu verhindern, verfielen die nigerianischen Kommandeure auf die fatale Idee, den Mordschützen vor der gleichen Öfentlichkeit erschießen zu lassen.

Sorgfältig wurde die Szenerie gewählt – der Hof einer verlassenen Schule bei Port Harcourt bot den Berichterstattern ein gutes Betätigungsfeld. Nicht ohne Zufall verlegte man die Exekution auf die Mittagszeit – für die Kamera existierten so ausgezeichnete Lichtverhältnisse. Denn nicht die Vollstreckung des Todesurteils war für das Exekutionskommando die Hauptsache, sondern die Überlegung, dieses Ereignis möglichst dramatisch filmen zu lassen. So wartete man bereitwillig mehr als zwanzig Minuten, als ein Kameramann die Batterie seiner Kamera auswechseln mußte; erst als alle bereit waren, begann die „Show“. Und wieder wurde der Tod eines Menschen minuziös für Millionen von Zuschauern festgehalten, ebenso sinnlos und ebenso überflüssig wie der erste. Doch die Reporter hatten ihre Sensation und die Regierenden in Lagos den gefilmten Beweis dafür, daß Kriegsverbrechen ihrer Truppen geahndet werden.

Reporter sollen möglichst eindrucksvoll berichten, um die Öffentlichkeit gut zu informieren. Aber sie müssen auch die Gefahr sehen, die sich für ihre Berichterstattung ergibt, wenn sie mehr sind als passive Betrachter. Wenn ihretwillen die Tötung eines Menschen inszeniert wird – und das geschah auf jeden Fall am 3. September –, befriedigen sie nicht mehr ein öffentliches Informationsbedürfnis, sondern ihre Sensationslust.

Die Tagesschau des Deutschen Fernsehens zeigte die eigentlichen Erschießungsszenen in beiden Fällen nicht. Rücksichtnahme auf die vielen Jugendlichen, die nicht durch die Mordszene geschockt werden sollten, und das Bemühen, nicht sensationslüstern zu erscheinen, nannte die Redaktion als ihre Gründe für den Filmschnitt. Welcher Grund auch tatsächlich eine Rolle spielte – in diesem Falle hat man richtig entschieden.

Peter Dehn