Mit Ausnahme von Februar und März erreichte der deutsche Aktienindex in jedem Monat einen neuen Höchstkurs. Wird das auch im September so sein? Das kommt im wesentlichen auf das Verhalten der institutionellen Anleger, aber auch auf das Ausland an. Sollte sich bei Fonds und Versicherungen die Ansicht durchsetzen, daß vorerst nicht mit einer Mark-Aufwertung zu rechnen ist oder daß eine Aufwertungsquote von etwa 5 Prozent bereits in den Kursen zum Ausdruck kommt, werden sie ihre Käufe verstärken. Schließlich ist es Aufgabe der Fonds, das eingenommene Geld in Aktien anzulegen und nicht in bar liegen zu lassen. Hinzu kommt, daß eine allzu große Vorsicht bei fester Börse sofort die Wertsteigerung des Portefeuilles beeinträchtigt, ein Faktor, der im Wettbewerb eine immer größere Bedeutung erhält.

Eine wichtige Rolle bei der Tendenzbildung spielt die anhaltende Geldfülle, sowohl bei den Banken als auch im privaten Bereich. Sie fördert die kurzfristige Spekulation. Das ist der Grund für die oftmals ungewöhnlichen Kursausschläge. Musterbeispiel dafür waren die Kurssprünge bei den reinen Kohleaktien. Zu Beginn dieser Woche griff das spekulative Feuer auch auf die Eisen- und Stahlaktien über. Man erinnerte sich, daß die Stahlkonzerne über mehr oder minder wertvolle Zechen verfügen, die „sie sicherlich nicht an die Einheitsgesellschaft der Kohle verschenken werden“. Mit den in die Kasse der Konzerne fließenden Millionen könnten dann – so wird argumentiert – neue Investitionen finanziert werden, wodurch der innere Wert der Aktien, wachsen würde. Vereinzelt gab es auch Ausländer unter den Käufern. Ob ihre Motive ebenfalls im Bereiche der Kohle zu suchen sind oder ob bei ihnen die Meinung den Ausschlag gab, daß die Bundesrepublik künftig ihre konventionelle Rüstung verstärken wird, war nicht zu erfahren.

Übrigens gab es einige unter den Wertpapierexperten, die schon im Frühjahr eine Hausse in Eisen und Stahl für den Herbst voraussagten. Sie meinten, daß dann die höheren Gewinne des laufenden Jahres überall sichtbar sein würden. Aus den in letzter Zeit erschienenen Aktionärsbriefen der Branche ist auch tatsächlich von einer erheblich besseren Rentabilität die Rede. Wenn sie von Dauer sein soll, wird man jedoch gerade hier noch mehr konzentrieren und kooperieren müssen. Mit seiner Erklärung vor der IG Metall, wonach er im nächsten Jahr Lohnsteigerungen von 6 Prozent für angemessen hält, hat Bundeswirtschaftsminister Schiller grünes Licht für neue Gewerkschaftsforderungen gegeben, deren Wirkung auf die Ertragskraft nur dann gemildert werden kann, wenn nochmals versucht wird, dem Lohnkostenfaktor durch energische Rationalisierungsmaßnahmen an Gewicht zu nehmen.

Spekulativ beeinflußt war in letzter Zeit auch der Kurs der VEW-Aktien, wo jetzt mit dem Bezugsrechthandel begonnen worden ist. Börseninformationsdienste machten darauf aufmerksam, daß der Kurs der VEW-Aktie nach dem Bezugsrechtabschlag „optisch“ billig ist und daß – ähnlich wie es bei der Kapitalerhöhung der Dresdner Bank der Fall war – der Abschlag bald wieder aufgeholt werden wird. Eine Argumentation, die sich nur dann als richtig erweisen wird, wenn die allgemeine Börsentendenz nach oben gerichtet bleibt. K. W.