Rom, im September

Als die sowjetischenFlugzeuge und Panzer in der Nacht zum 21. August in die Tschechoslowakei einfielen, machte der italienische KP-Sekretär Luigi Longo in der Umgebung Moskaus Urlaub. Er erfuhr erst gegen acht Uhr morgens von der Invasion. Daraufhin tat er dreierlei: Er informierte seine drei Genossen aus der Parteileitung, die ebenfalls – allerdings an anderen Orten – ihre Ferien in der Sowjetunion verlebten, er traf sich mit Suslow, Kirilenko und einem anderen Mitglied des sowjetischen Parteipräsidiums; und er ließ sich einen Platz im ersten Flugzeug nach Paris reservieren.

Nach seinem Gespräch mit den sowjetischen Parteifunktionären gab Longo telephonisch seine Zustimmung zu einem Kommuniqué des Politbüros seiner Partei, das die bewaffnete Intervention der Sowjets und ihrer Mitmarschierer als ungerechtfertigt sowie als unvereinbar mit der Autonomie und Unabhängigkeit jeder kommunistischen Partei und jedes sozialistischen Staates verurteilte.

An diesem negativen Urteil, das die italienischen Kommunisten zum erstenmal in ihrer fast 50jährigen Geschichte in einen offenen Gegensatz zur Sowjetunion und zur KPdSU brachte, hat sich seither nichts geändert. Longo hat es erst kürzlich wieder in einem Interview bestätigt. Er fügte dabei hinzu, daß er unter den gegebenen Umständen das für November in Moskau geplante Weltkonzil der kommunistischen Parteien für inopportun, ja vielleicht sogar für undurchführbar halte.

Was hat die italienische KP-Führung zu dieser prononciert kritischen Stellungnahme veranlaßt? Und welche Folgen wird der Riß zwischen Moskau und der stärksten KP Westeuropas für die kommunistische Weltbewegung haben?

Wahrscheinlich wäre die Reaktion der römischen KP-Zentrale auf die tschechoslowakischen Vorgänge zumindest in der Form verbindlicher ausgefallen, wenn sich Suslow und Genossen in ihren Gesprächen mit Longo am Morgen des 21. August geschickter verhalten hätten. Da sie aber nur die fadenscheinigen propagandistischen Rechtfertigungsargumente der „Prawda“ für die Invasion wiederholten, forderten sie die Kritik Longos eher noch mehr heraus, anstatt sie zu dämpfen. Ganz abgesehen aber von dieser Gesprächs-Episode hatten die italienischen Kommunisten handfeste Gründe, mit dem Vorgehen der Sowjets nicht übereinzustimmen. Diese Gründe sind:

1. Die italienische KP hat seit vielen Jahren ihr ganzes politisches Handeln darauf konzentriert, eine Brücke zur laizistischen und katholischen Linken in Italien zu schlagen. Ihr erklärtes Ziel ist die Volksfront oder die sogenannte „konziliare Allianz“ mit dem fortschrittlichen Katholizismus. Um diesem Ziele näherzukommen, hat sich die Partei – besonders auf ihrem letzten Parteitag im Januar 1966 – auf das Prinzip der religiösen und kulturellen Freiheit sowie auf die Aussöhnung zwischen Sozialismus und Demokratie festgelegt. Diese Politik hat in Prag einen schweren Rückschlag erlitten. Die stärkste „sozialistische“ Macht der Welt hat die Grundsätze von Freiheit und Demokratie mit Füßen getreten. Die italienische KP konnte das nicht widerspruchslos hinnehmen, wollte sie nicht gegenüber ihren potentiellen Partnern im sozialistischen und katholischen Bereich jede Glaubwürdigkeit verlieren.