Washington, im September

Amerika hat auf den sowjetischen Einfall in der Tschechoslowakei mit großer Verzögerung reagiert. Der Präsident der westlichen Weltmacht erhob angesichts der Vergewaltigung des kleinen mitteleuropäischen Landes zwar seine Stimme zu einem moralischen Appell an die Sowjetführer, ihre Truppen wieder abzuziehen, aber sein politischer Protest verhallte im leeren Echo der Vereinten Nationen, und er brauchte zwei Wochen, um seine Pläne für ein zweites Gipfeltreffen mit Kossygin in den Hintergrund zu schieben. Das große Amerika, verstrickt im Gezänk eines Wahljahres, gespalten und hadernd über den Krieg in Vietnam, gefangen in seinen häuslichen Problemen, schien sich seines Weltmachtanspruches zu entäußern und verzichtete darauf, den zuerst von ihm verkündeten Grundsatz des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, dem die Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg ihre staatliche Existenz zu verdanken hatte, auch nur mit Worten zu verteidigen.

Moskaus Stoß gegen die Liberalisierung des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei war so angelegt, daß er zwar die von europäischen Ländern wie der Bundesrepublik betriebene Politik der Entspannung an der Wurzel zu zerstören drohte. Indessen war er andererseits auch so dosiert, daß er die von Amerika beharrlich verfolgte Politik des Ausgleichs nicht unmittelbar in Frage stellte. Entspannung und Ausgleich sind zwar komplementäre, aber keineswegs identische Methoden. Wenn die von den Europäern angestrebte Entspannung auf lange Sicht über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Erweiterung des Handels und die kulturpolitische Annäherung hinaus einen realpolitischen Sinn haben soll, muß die allmähliche Verflechtung der Randzonen von den beiden Supermächten in Kauf genommen werden, damit die Welt ohne Störung des Machtgleichgewichtes für Rußland und Amerika wenigstens in der Einheit der Kooperation wieder zusammenfindet.

Anders der von Washington seit der kubanischen Raketenkrise betriebene Ausgleich – er kann sich mit einer Stabilisierung und Konsolidierung der 1945 in Zentraleuropa gezogenen Machtgrenzen begnügen, sofern er nur durch übergeordnete Abmachungen ergänzt wird, die den atomaren Frieden zwischen Rußland und Amerika sichern. Für Washington reicht der Brückenschlag über den Graben in Europa – für die Europäer hingegen geht es darum, diesen Graben zuzuschütten.

Diese Nuance zwischen Entspannung und Ausgleich wollte die Sowjetregierung sich bei der Besetzung der Tschechoslowakei zunutze machen. Doch so wohlberechnet das Vorgehen Moskaus war, weckte es schließlich doch ernste Zweifel in den amerikanischen Führungsschichten, ob der Riegel vor der Entspannung nicht zugleich ein Hindernis für den Ausgleich bilden werde.

Noch sind Lyndon Johnson und seine Regierung bemüht, den Ausgleich zu retten und fortzusetzen; von Kulturabkommen, Testbann-Abkommen, Konsularvertrag und die in den Vereinten Nationen geschlossenen globalen Vereinbarungen über die friedliche Nutzung der Raumfahrt soll er zum nächsten Meilenstein – der Ratifizierung des Atom-Sperrvertrages – führen und Verhandlungen über eine Begrenzung der Raketenrüstung ermöglichen. Aber die Administration Johnsons befindet sich in einer unsicheren Schlußphase. Im Januar kommt ein neuer Präsident.

Der Senat zögert jetzt, die Ratifizierung des Atom-Sperrvertrages vor dem Wechsel zu vollziehen; die Regierung versucht, den wachsenden Unwillen führender Republikaner und mancher Demokraten über die Willkür Moskaus mit Gesten wie der Einschränkung des Kulturaustausches und der Verzögerung des Flugverkehrs Moskau–New York oder dem beschleunigten Aufbau eines Anti-Raketensystems zu beschwichtigen. Doch jeder Tag läßt in Amerika jetzt die Einsicht wachsen, daß bloße Andeutungen des Unmutes nicht reichen.