Von Roll Diekhof

Überholt ist das Zitat aus einem Werbeprospektfür Seereisen über den Atlantik: Der gute Passagier hat viel Zeit. Eine Fahrt über den Nordatlantik ist für ihn nicht eine Acht-Stunden-Hetze, sondern ein kleines Sieben-Tage-Abenteuer. Er schätzt gesellschaftliches Leben und Müßiggang. Er liebt das Meer, Schiffe und allerlei Vergnügen: Shuffleboard und Tontaubenschießen, Bälle und Maskeraden, Kapitänsempfang und Galadiner. Der gute Passagier hat eine eigene Philosophie. Er rast nicht, er macht eine Seereise.

Die guten Passagiere sind rar geworden. 1957, im Rekordjahr der Liniendienste auf dem Atlantik, wählten noch über zwei Millionen Personen den Seeweg für eine Reise zwischen Europa und Nordamerika. 1967 waren es gerade, trotz verstärkter Werbung für die geruhsame Seereise, noch 506 000 Passagiere, und in den ersten sieben Monaten 1968 gingen die Buchungen noch einmal um 27 Prozent zurück. Es fanden sich nur noch 206 000 Seereisende, und da die Saison auf dem Nordatlantik Ende August vorbei ist, werden es in diesem Jahr kaum noch mehr als 300 000 Passagiere werden.

Vor zehn Jahren waren die Linienschiffe noch mit rund 50 Prozent am Atlantikverkehr beteiligt. Heute sind es nicht einmal mehr zehn Prozent.

„Kein Wunder“, so kommentiert Vorstand Bertram vom Norddeutschen Lloyd in Bremen diese Entwicklung, „durch die Sondertarife für jeden Klub und jedes Grüppchen sind die Flüge heute für jedermann so billig geworden, daß die Schiffahrt einfach verlieren muß.“ Doch Bertram glaubt nicht, daß die Liniendienste überhaupt keine Zukunft mehr haben. „Dieses Jahr war nun mal besonders schlecht, wegen der politischen Unruhen. Aber es zeichnet sich schon wieder eine günstigere Entwicklung ab.“ Bertram hofft auf den Erfolg einer besseren Werbung und auf die verstärkte Zusammenarbeit mit der Lufthansa. Denn, so meint er: „Einen Weg fliegen und einen Weg mit dem Schiff, das hat Zukunft.“

Doch auch der Norddeutsche Lloyd kann sich auf seine guten Passagiere, es sind vornehmlich Deutsch-Amerikaner, die beim Lloyd gut 70 Prozent aller Passagen kaufen, nicht mehr verlassen. Im nächsten Jahr werden „Europa“ und „Bremen“ zusammen nur noch siebenmal den Atlantik überqueren. In diesem Jahr fuhren sie noch siebzehnmal. Die beiden Schiffe werden in Zukunft hauptsächlich den Kurs steuern, der von vielen Reedern als der einzige gute angesehen wird. Sie werden zu Urlauberschiffen auf Kreuzfahrten in alle Weltmeere.

Die zweite große deutsche Passagierschiffreederei, die Deutsche Atlantik-Linie, hat die deutsche Flagge auf dem Atlantik inzwischen ganz gestrichen. Die „Hanseatic“ und auch die neue „Hamburg“ werden nur noch im Kreuzfahrt-Geschäft fahren. Der Reeder Bitsch-Christensen muß seine Schiffe einfach da einsetzen, wo es am lukrativsten ist. Denn sie sind noch mit den Anschaffungskosten belastet, die beispielsweise bei den alten Lloyd-Schiffen längst wieder eingefahren sind. Beim Lloyd heißt es: „Mit neuen Schiffen heute Linie fahren, das würde uns Kopfzerbrechen bereiten.“