Von Helmut Salzinger

Ein griechischer Künstler von heute muß sich zumal in diesem Lande, das neben einem Schlie- auch noch einen Winckelmann hervorgebracht hat und das in Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ eine biedere Popular-Version der antiken Mythen besitzt, die Frage gefallen lassen, wie er’s denn mit dem großen Erbe seiner Väter halte.

Die Antwort, die Vagelis Tsakiridis, Plastiker und Schriftsteller, gebürtig aus Athen, inzwischen parat hält, lautet in seinem charakteristischen Deutsch schlicht „Sseiße“. Daß es ihm damit ernst ist, beweist er nicht zuletzt durch seine Schriftstellerei, die er nämlich in deutscher Sprache betreibt. Gelegentlich wird ihm das von Exilgriechen als Verrat an ihrer nationalen Sache ausgelegt. Aber Tsakiridis, der seit gut acht Jahren in der Bundesrepublik lebt und arbeitet, hält solchen Vorwürfen entgegen, er schreibe deutsch und sei mithin ein deutscher Schriftsteller. Und auf den zweifelnden Blick seines Gesprächspartners trumpft er noch einmal kräftig auf: „Nationalitäten sind Sseiße.“

Demnach wird man im Sinne dieses verfremdeten Kraftwortes zu lesen haben, was Tsakiridis an nationalem griechischen Erbe im allgemeinen und antikem im besonderen in seine Texte eingehen läßt: „Die Heldin hört auf zu jammern, sie marschiert durch den Wald, findet ihre Komplicen, kommt zurück, überlistet die sowieso übermüdeten Wächter und hängt den Gehängten ab. Das Loch wird hastig gegraben, die Leiche in den feuchten Grund gelegt. – ‚Ungeheuer itht viel, doch nihth ungeheurer alth der Menth!‘ – Die Chorsänger sollte man durch jüngere ersetzen. Fast keiner hat noch seine Schneidezähne Soweit seine Fassung der „Antigone“.

Sie findet sich in dem kürzlich erschienenen Prosabuch von

Vagelis Tsakiridis: „Hallelujah!“ – 71 Protokolle, mit einem Nachwort von Klaus Roehler; Luchterhand-Druck 2, Luchterhand Verlag, Neuwied; 52 S., 14,80 DM.

Säkularisierung und Parodie sind die Charakteristika dieses Rückgriffs auf die Tradition. Nicht anders geht es in seiner Lyrik zu: „Tempel in halber Höhe / auf Sand gebaut. / Barbarische Ausgräber / suchen hier und finden / hübsche Geschichten für Moritz und Max.“

Dies die Schlußstrophe des Gedichts „Korinth“, das in dem ersten auf deutsch erschienenen Buch von

Vagelis Tsakiridis: „Gedichte für die Jungfrau am Brunnen und Prosa“; Luchterhand Verlag, Neuwied; 71 S., 8,50 DM

enthalten ist. Die Arroganz der antiken Griechen, alle Ausländer als Barbaren zu betrachten, ist hier durchaus noch vernehmbar, allerdings modifiziert durch Ironie. Denn nicht, daß sie Ausländer sind, wird den Ausgräbern als barbarisch angekreidet, sondern daß sie ausgraben. Endgültig Vergangenes und Totes zu konservieren, hält Tsakiridis für eine Barbarei. Er sieht darin eine Geringschätzung des Lebens. Denn für ihn ist die „Kleinstadt Korinth“ noch immer lebendig. Noch immer „blühen die alten geprüften Sitten“, und in seiner Sicht konkretisiert sich dies blühende Leben als „Lastfahrergeruch in den Kneipen / verfaulte Aprikosen / Zuhälter / schnurrbärtige Puffmütter“.

„Lesen Sie diese Gedichte ohne Kommentar“, empfiehlt der Autor auf dem Waschzettel seines Lyrik-Bandes, „denn Literatur-Analytiker sind kurzsichtige Hochschulprodukte mit gichtigem Hirn und atrophischem Orientierungsvermögen.“ Und so weiter. Viele Kritiker reagierten seinerzeit auf diese Anpflaumerei – je nach Temperament – herablassend-amüsiert oder schlicht sauer. Keiner begriff, daß sich diese Unhöflichkeit gegen eben das richtet, was Tsakiridis an „barbarischen Ausgräbern“ auszusetzen findet, nämlich seine Aversion gegen jegliche Mumifizierung von Kultur.

Es handelt sich also um ein literarisches Motiv, das sich ganz zwanglos aus dem ableiten läßt, was man den Lebens-Fanatismus dieses Autors nennen könnte. Aus seinen Gedichten wie aus seiner Prosa spricht eine hemmungslose und anarchische Freude am Lebendigsein, die zugleich so stark ist, daß sie selbst das Traurige, Häßliche und Ekelerregende zu akzeptieren vermag. Aus der Sicht von Tsakiridis verlieren diese Begriffe weitgehend ihren pejorativen Sinn. Der Inhalt, den sie decken, gehört zu den Erscheinungsformen des Wirklichen, und daraus ergibt sich die Selbstverständlichkeit, mit der er es hinnimmt.

Für Tsakiridis stellt die Realität sich zu einem guten Teil als vom Eros geprägt dar. In der Wirklichkeit, die Tsakiridis wahrnimmt und schildert, triumphiert allemal das Ungewöhnliche, Absonderliche und Wunderbare. Er hat seine Optik aufs Verborgene und Verdrehte eingestellt, und so vermag er Realitäten zu erkennen, deren Strukturen dem bloßen Auge der alltäglichen Erfahrung sich nicht erschließen. Das Organ, mit dem er sich ihr nähert, ist die Phantasie, aber eine Phantasie, die ihre Impulse vom Eros empfängt. Und sie stellt zugleich das Reservoir für die eigentümliche Vitalität dar, die ihn das Wirkliche, wie immer es sei, vorbehaltlos und selbstverständlich hinnehmen läßt.

Es ließe sich gegen diese Texte einwenden, daß in ihnen nicht die Realität, sondern die Subjektivität des Autors, seine Ansichten, Sympathien, Antipathien die Oberhand behielten, daß ihnen also fehle, was gewöhnlich der Dichtung zu allererst abverlangt wird: Objektivität nämlich. Doch es hat den Anschein, als gehöre zu den Dingen, auf die Tsakiridis am ehesten zu verzichten gewillt ist, eben das, was man Objektivität nennt. An sie vermag er nicht zu glauben, und so setzt er sich kurzerhand darüber hinweg. Das läuft auf eine Literarisierung und Ästhetisierung des Lebens hinaus. Indem er es kraft seiner Phantasie zu überspielen sucht, holt er aus einer schlechten Sache das Beste für sich heraus: „Vielleicht / wird es uns gelingen / mit einer Pappnase verkleidet / durchzukommen Das Narrengewand als Tarnung benutzend, hofft Tsakiridis zu überleben, und zwar so gut es irgend geht. Im „Hallelujah“, das den Titel seines Prosabuches bildet, ertönt der Jubelruf dessen, der wieder einmal der Realität ein Schnippchen geschlagen und sie in ihrer unwahrscheinlichsten Gestalt ertappt hat, als Jungfrau.

Tsakiridis antwortet auf den angeblichen Zwang der Realität mit ihrer konsequenten Subjektivierung. Darin liegt ein Vorzug, aber auch eine Gefahr. Solange er die Phantastik des Realen entdeckt und schildert, mag es ihm gelingen, den Leser zu faszinieren. Sobald er jedoch seiner Phantasie allzu sehr die Zügel schießen läßt, stellt sich mit der Willkür zugleich die Unverbindlichkeit ein. Daß der Autor immer recht habe, ist eine Maxime, nach der sich zwar gut drauflosschreiben läßt, die aber auch der Selbstkontrolle des Autors nicht wenig abverlangt. Vielleicht hat Tsakiridis es sich dabei manchmal doch etwas leicht gemacht.