DIE ZEIT

Im Schatten der Giganten

Die Stimme des alten Mannes von der Seine war wieder einmal zu vernehmen. Auf seiner jüngsten Pressekonferenz hat er mit großer Geste den architektonischen Grundriß seiner Politik aufgezeichnet.

Kanal-Duell

Der nächste Krieg im Nahen Osten kommt bestimmt – das befürchten viele Israelis und posaunen arabische Propagandisten in alle Welt hinaus.

Gestörter Ausgleich

Amerika hat auf den sowjetischen Einfall in der Tschechoslowakei mit großer Verzögerung reagiert. Der Präsident der westlichen Weltmacht erhob angesichts der Vergewaltigung des kleinen mitteleuropäischen Landes zwar seine Stimme zu einem moralischen Appell an die Sowjetführer, ihre Truppen wieder abzuziehen, aber sein politischer Protest verhallte im leeren Echo der Vereinten Nationen, und er brauchte zwei Wochen, um seine Pläne für ein zweites Gipfeltreffen mit Kossygin in den Hintergrund zu schieben.

Nr. 4532251

Eine Grenze der Freiheit dürfte auch im Sozialismus nicht überschritten werden, sagt Ernst Fischer, der reformfreudige marxistische Denker aus Wien: Antisemitismus müsse verboten bleiben.

Lübke geht

Das Karussell der Kandidaten für den höchsten Posten der Bundesrepublik hat mit Lübkes Entscheidung neuen Schwung bekommen. Der FDP-Vorsitzende Scheel und sein Stellvertreter Genscher taten kund, die FDP-Stimmen in der Bundesversammlung würden dem besten der Kandidaten zufallen.

Um Löhne und Leichen

In einer verwaisten Bar des Wintergartens an der Schreibmaschine über angenommenen Resolutionen und verworfenen Zusätzen brütend, gewahrt man neben sich eine Figur, die einen starken Schatten aufs Papier wirft.

Mit Springer verkracht

Christian Kracht, Axel Springers Generalbevollmächtigter und viele Jahre dessen Intimus und alter ego im Geschäftsbereich des Presseimperiums, hat sich mit seinem Verleger überwerfen.

ZEITSPIEGEL

„Vielleicht wird die ältere Generation der Tschechen, die einst zu den heftigsten Gegnern des Habsburger Reiches gehört hat, mit Sehnsucht an die Zeiten der Donaumonarchie zurückdenken, die trotz aller Unvollkommenheit dem einzelnen die Freiheit und den Völkern den Frieden gesichert hat.

Der Pfalzgraf vom Rhein

Der eine Vogel, das ist sicher, wurde – trotz allen Wirbels um Pille und Papst – als Präsident des 82. Deutschen Katholikentages in Essen nicht so populär, wie es der andere Vogel bei den Olympischen Spielen 1972 in München gewiß werden wird.

Gespaltene Kommunisten

Als die sowjetischenFlugzeuge und Panzer in der Nacht zum 21. August in die Tschechoslowakei einfielen, machte der italienische KP-Sekretär Luigi Longo in der Umgebung Moskaus Urlaub.

Was heißt Normalisierung?

Was heißt heute „Normalisierung“ in der Tschechoslowakei? Darüber hat sich offensichtlich weder der sowjetische Sonderbotschafter Kusnezow mit seinen Prager und Preßburger Gesprächspartnern ganz einigen können noch Ministerpräsident Černik, der diese Woche wieder in Moskau verhandelte.

NATO als Notnagel

Rasch sind die Europäer auf die Grenzen ihrer politisch gestaltenden Kraft gestoßen. Der Impuls zur Regenerierung des westlichen Bündnisses versandet in Verfahrensfragen.

Als die SS in Prag herrschte

Der Flug des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Svoboda nach Moskau hat die Erinnerung an den März 1939 heraufbeschworen, als ebenfalls ein tschechischer Präsident in die Hauptstadt einer benachbarten Großmacht reiste, um eine erträgliche Lösung für sein Volk auszuhandeln.

Macht von unten

Nach den Worten des Parlamentspräsidenten Smrkovsky hat sich die ČSSR am 21. August „plötzlich von einer riesigen Militärmacht besetzt gesehen, der zu widerstehen absolut hoffnungslos und ausgeschlossen war“.

Lübke will vorzeitig zurücktreten

Heinrich Lübke will bereits vor Ablaut seiner Wahlperiode zurücktreten, die offiziell erst im Herbst 1969 auslaufen wird. Damit endet die Amtszeit des zweiten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland ebenso glücklos, wie sie 1959 begonnen hatte.

Von ZEIT zu ZEIT

Auf seiner Pressekonferenz sprach sich der französische Staatspräsident CharlesdeGaulle für Selbstbestimmung der osteuropäischen Völker- und gegen Blockbildung in Europa aus.

Kämpfe am Kanal

Der Weltsicherheitsrat hat die Regierungen in Kairo und Jerusalem aufgefordert, die gegenseitige Waffenruhe strikt einzuhalten.

Streit um „Normalisierung“

Drei Wochen nach der Intervention des Warschauer Pakts in der ČSSR zeigte es sich immer deutlicher: Die „Normalisierung der Lage“ – den Reformern um Svoboda und Dubček von den Sowjets als Vorbedingung für den Abzug der Okkupationstruppen diktiert – wird in Moskau und Prag verschieden interpretiert.

IG Metall gegen Ostkontakte

Die Delegierten forderten den Bundestag auf, die Gesetzesvorschläge des DGB zur qualifizierten Mitbestimmung, die gegenwärtig nur im Montanbereich verwirklicht ist, noch in dieser Legislaturperiode zu behandeln und zu verabschieden.

Kirche im Aufbruch

Auf dem 82. Deutschen Katholikentag in Essen probte das Kirchenvolk den Aufstand. Die Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Pauls VI.

Adekunle rückt vor

Die Friedensgespräche zwischen Nigeria und Biafra in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba wurden am Montag nach zweimonatiger Dauer ergebnislos abgebrochen.

Namen der Woche

Albert Norden (63), Sekretär des SED-Zentralkomitees, wurde als Leiter der Agitationskommission im Politbüro abgelöst. Das Amt übernahm Hermann Axen, Leiter des außenpolitischen Sekretariats beim ZK, in Personalunion.

Maos „großer Sieg“

China feierte einen „großen Sieg“. Nach drei Jahren Kulturrevolution haben sich auch die beiden letzten der 26 chinesischen Provinzen dem „Großen Vorsitzenden“ Mao gebeugt: In Singkiang und Tibet wurden Revolutionskomitees gebildet.

Kompromiß in Peine

Minister Hasselmann rückt auf – die CDU-Führung Niedersachsens-wird verjüngt

Keine Zeit für die Gerechtigkeit

Hannoversche Richter formieren, sich zum Widerstand gegen die obrigkeitsstaatliche Struktur unserer Justiz. „Wir sind bereit zu handeln“, sagen sie.

„Begründete Bedenken“

Als das „Furchtbarste“ hat der frühere SS-Sturmbannführer Hans Hasse, 63 Jahre, vor dem Kieler Schwurgericht den Anblick der Öffnung eines Gaswagens im Juni und Juli 1942 in Mogilew geschildert.

Adolf im Schaufenster

Die meisten Passanten fanden nichts Bemerkenswertes mehr im Schaufenster der Hamburger Buchhandlung Weitbrecht und Marissal.

Rund um St. Pauli: Taxifahrer Rüdemesser

Egon Rüdemesser brachte seine zweihundertunddreißig Pfund auf den Stuhl und sagte: „Ich habe die Angewohnheit, mitten in einem Satz plötzlich lange zu lachen, das darf Sie nicht stören, aber jetzt lache ich noch nicht: Als mein Vater gestorben war, lag ich mit meinem Wagen am ,Verbrecherposten‘, Ecke Spielbudenplatz, und hatte vierzehn Tage nichts gegessen.

Keine Liebesburg an der Isar

Münchens Oberbürgermeister Vogel wird in den nächsten Tagen einen Polizeibericht auf seinem Schreibtisch vorfinden, der nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist, sondern nur als Aktendokument; er soll nachträglich die beruhigende Gewißheit fixieren, daß der Stadtrat vor eineinhalb Jahren eine richtige Entscheidung getroffen hat.

Gebrochene Loyalität

In die friedliche Stille der ausklingenden parlamentarischen Sommerpause platzte in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt unvermittelt ein politisches Gewitter.

Hessen ließ nicht locker

Das junge Mädchen, es war gerade 17 Jahre geworden, packte das Nötigste zusammen. Nur ungern sahen die Eltern ihr Kind scheiden.

Sein Name ist: Psi

Aus allen Himmelsrichtungen waren sie nach Freiburg im Breisgau gekommen, um dem Spuk zu Leibe zu rücken. Nicht, daß in der Aula der ehrwürdigen Albert-Ludwigs-Universität, in der sich die Parapsychologen versammelt hatten, Gespenster ihr Unwesen getrieben hätten – leider nicht.

Venezianisches Mißgeschick

Die Rebellion am Lido fand zwar statt. Aber in ihr waren fatalerweise entgegengesetzte Kräfte wirksam, solche, die zum Großen tendierten, zur Zusammenfassung, zur Solidarität, zur Internationalität – und andere, die zu Partikularismus und Zersplitterung führten.

Fernsehen: Abgesang und Pointe

Eine melancholische Woche: Immer weniger Bilder aus Prag, das Filmen dort ist mühsam geworden, die Leute wenden sich ab, und der listige Schwejk zeigt die andere Seite, zuckt mit den Achseln, spielt den Unverständigen, spannt Tarnnetze aus, verbirgt sich darunter und variiert zum hundertsten Male das Brecht-Gedicht von dem Bauschragen, dessen eiserne Teile im Sturmwind zerbrechen, während sich die hölzernen biegen und halten: ein Gleichnis der Schwejks und der Panzer; immer weniger Bilder aus Preßburg und Prag, das Dokument tritt hinter der Deutung zurück, schon ist Persien, das Erdbeben und der Schah inmitten der Bauern, wichtiger als Pilsen und Brünn; der Zuschauer weiß: Jetzt sind sie endgültig allein, die Schlagzeilen-Leute von gestern, jetzt herrscht da ein Klima, das, anders als Leidenschaft und grelle Verzweiflung, das Weinen am offenen Grab und der Sturmschritt der Demonstrationen, ein Feind der Kameras ist – die Resignation.

Barrault zwischen den Stühlen

Wer de Gaulles Brot ißt, der muß auch de Gaulles Lied singen. Und der General vergißt und verzeiht nicht, wenn man dabei während der Mai-Revolution vorübergehend aus dem Takt gekommen war.

Die Ver anstalter der Buchmesse haben Angst vor: Radau

Im Namen einer „ordnungsgemäßen Messearbeit“ und um „spektakulären Begleiterscheinungen“ vorzubeugen, verschickte der Vorstand des Börsenvereins in den letzten Wochen Warnbriefe an eine Reihe ausgewählter Verlage.

FILMTIPS

„Ein Abend, ein Zug“, von André Delvaux. Yves Montand gibt einen flämischen Professor der Linguistik, Anouk Aimée seine französische Geliebte, André Delvaux einen Problemfilm: Der Sprachenstreit in Belgien, eine Verstimmung zwischen den Liebenden, Rückblenden, dann entgleist der Zug, den beide bestiegen haben.

Theater: Der Drang zur Natur

„Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende.“ Der Theaterwinter hat uns wieder. Im Sommertheater bezeichneten sich allzu viele Veranstaltungen als Festspiele.

Wie man in der DDR studiert

In Mexico City und Tokio, in Rom und Paris attackieren Studenten das Establishment, und in Warschau und Prag artikulierten sie ihren Unmut über die Verhältnisse genauso wie in Frankfurt und Westberlin.

Die Assistenten rühren sich

Im März dieses Jahres schlossen sich rund 20 000 Angehörige des akademischen Mittelbaus zu einer Bundesassistentenkonferenz zusammen: Wissenschaftliche Assistenten und akademische Räte aller Abstufungen, wie sie in unserem von Hochschule zu Hochschule wechselnden System ordentlicher Titulaturen nun einmal üblich sind, fügten zu den vorhandenen Organisationen – dem Verband Deutscher Studentenschaften auf der einen Seite, den Einrichtungen der Professoren von der Westdeutschen Rektorenkonferenz bis zum Hochschulverband auf der anderen und der Kultusministerkonferenz auf der dritten – eine vierte Institution hinzu, die in der Mitte zwischen den Lehrenden und den Lernenden angesiedelt ist.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Sein Vater war Professor am Petersburger Konservatorium und Dirigent in Djaghilews Ballett-Truppe, 1921 emigrierte er, wie viele andere Musiker auch, wurde Direktor des Pariser Russischen Konservatoriums.

ZEITMOSAIK

Ewig nur an einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohr, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und, anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.

Kunstkalender

Wer ihn für den Klassiker der Bildergeschichte hält, den pessimistischen Chronisten der comédie humaine, den Vater von Max und Moritz und der Frommen Helene, der nimmt den Teil für das Ganze, den Wilhelm Busch selber für beiläufig und ein einträgliches Nebengeschäft gehalten hat.

Karl Marx in Jugoslawien

Im Jahre 1963 war es das erstemal, daß eine Gruppe jugoslawischer Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler in dem alten Festungsstädtchen Korčula auf der Adriainsel gleichen Namens zusammenkam, um ihre Gedanken zum Thema „Fortschritt und Kultur“ auszutauschen.

Philosophie mit dem Hammer

Eeigentlich war es doch ein bemerkenswerter Philosophen-Kongreß. Obwohl man ihn zunächst als den bislang sterilsten und langweiligsten kennzeichnen muß.

Tom Wolfe: Die Neue Kunst-Galerie-Gesellschaft

TOM WOLFE, der junge, in Yale promovierte Reporter, Mitarbeiter führender angloamerikanischer Blätter und jahrelang einer der glanzvollsten Berichterstatter der „New York Herald Tribune“, hat mit seinen originellen, soziologisch fundierten und nicht selten witzigen Berichten über die neue Sub-Kultur Aufsehen erregt, die mehr und mehr das Leben nicht nur der amerikanischen Gesellschaft beeinflußt.

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