Der Schock, den der Überfall des Warschauer Pakts auf die ČSSR ausgelöst hat, klingt langsam ab. In den Hauptstädten der westlichen Welt analysieren Politiker, Militärs und Diplomaten die neue Lage. Einmütiges Fazit: Der Brückenschlag zwischen Ost und West ist aufgeschoben, nicht aber für immer aufgehoben. Erklärungen des amerikanischen Präsidenten Johnson und des französischen Staatspräsidenten de Gaulle erbrachten indessen gewisse Meinungsverschiedenheiten über die Voraussetzungen und Methoden künftiger Entspannungspolitik

Präsident Johnson erklärte am Dienstag in New Orleans, die Ereignisse in der ČSSR hätten gezeigt, daß die Unabhängigkeit der Nationen und die Freiheit der Menschen noch immer bedroht seien. Der freie Teil der Welt werde nur überleben, wenn er sich seine Stärke erhalte und seine Einigkeit vergrößere. Eine Verständigung mit der Sowjetunion sei weiterhin „auf jedem ehrenhaften Weg“ möglich.

Dem französischen Staatspräsidenten de Gaulle haben die Ereignisse in der Tschechoslowakei dagegen bewiesen, „daß unsere Politik, selbst wenn sie augenblicklich blockiert ist, der Realität entspricht“. Diese Politik werde weitergeführt, obwohl die Besetzung der ČSSR „die Perspektive des Kalten Krieges“ aufgerissen habe.

Auf der 17. Pressekonferenz seit seinem Amtsantritt betonte der General am Montag im Elysee-Palast vor 1000 Journalisten: Seit 1958 habe seine Regierung für eine Auflösung der Blöcke und für die nationale Unabhängigkeit der europäischen Staaten gekämpft, um Europa das ihm gebührende Eigengewicht zwischen den Supermächten zu verschaffen. Heute sei es „zu spät dafür, daß eine Ideologie, allen voran die des Kommunismus, über das Nationalgefühl triumphiert, zu spät, daß Europa in zwei gegeneinander gerichtete Blöcke geteilt bleibt.“ Die Invasion in der ČSSR sei „absurd im Hinblick auf die Entspannung“ und schon deshalb „verurteilungswürdig“.

Diese Bewertung der Vorgänge in Osteuropa deckt sich nach den Worten des Bonner Regierungssprechers Diehl „nahezu vollständig mit den Auffassungen der Bundesregierung“. Trotz des propagandistischen Trommelfeuers aus dem Osten will auch Bonn seine Friedenspolitik fortsetzen – im Gegensatz zu Paris aber nicht auf die Rückendeckung der USA und eines nach Möglichkeit gestärkten westlichen Bündnisses verzichten.

Bundesaußenminister Brandt hatte freilich schon vorige Woche beim Konsultationsgespräch mit seinem Pariser Kollegen Debré feststellen müssen, daß Frankreich auch jetzt weder an einer Stärkung der NATO, noch an einer Erweiterung der EWG interessiert ist. Diese Haltung wurde auf der Pressekonferenz im Elysee noch einmal von de Gaulle ex cathedra bekräftigt.

Im Einvernehmen mit der Bundesregierung reisten inzwischen die Parlamentarier Birrenbach (CDU) und Helmut Schmidt (SPD) in die USA. Sie wollen ergründen, welche Konsequenzen die amerikanische Regierung aus dem sowjetischen Truppenaufmarsch zwischen Ural und Böhmerwald zu ziehen gedenkt.