Internationale Sommerschule in Korcula 1968

Von Helmut Fleischer

Im Jahre 1963 war es das erstemal, daß eine Gruppe jugoslawischer Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler in dem alten Festungsstädtchen Korčula auf der Adriainsel gleichen Namens zusammenkam, um ihre Gedanken zum Thema „Fortschritt und Kultur“ auszutauschen.

Inzwischen ist daraus Tradition, geworden. Zum fünften Male fand diesen August, zehn Tage lang, die „Sommerschule Korčula“ statt. Sie hat sich längst zu einem attraktiven internationalen Ideenforum für einen nicht gerade eng abgezirkelten Kreis von Wissenschaftlern entwickelt. Ihre jugoslawischen Initiatoren haben sich seit 1964 in der Zeitschrift Praxis ein Organ und einen festeren Zusammenhalt geschaffen, schließlich auch ein Medium der internationalen Kommunikation, das leidlich über die Sprachbarriere hinweghilft – seit 1965 bringen sie vierteljährlich auch eine internationale Ausgabe der Praxis heraus, in der die wichtigsten Beiträge der zweimonatlichen serbokroatischen Ausgabe in deutscher, französischer oder englischer Übersetzung wiedergegeben sind.

Die jugoslawische Praxis-Gruppe ist ein überaus bemerkenswerter Ansatz zu einer ganz undogmatischen und antidogmatischen Schulbildung im Bereich marxistischer Philosophie und Soziologie, welt- und problemoffen, experimentell und nuancenreich, ohne jede Einförmigkeit der Thematik, der Denkstile und Charaktere. Ein vielfältiges Spektrum erstreckt sich von den nüchternen, soziologischen Lage- und Tendenzanalysen der Marcović, Tadić, Milić, Caldarović und Stojanović über die abwägenden Diskussionen historischer Orientierungen der Supek, Korac und Vranicki bis hin zu den fundamentalphilosophischen Reflexionen der Petrović, Kangrga, Grlić und Sutlić.

Nach Korčula kommen naturgemäß vor allem Leute, die gleichfalls um eine zeitgemäße Gestalt sozialistischer, marxistischer oder marxianischer Theorie bemüht sind. Und es kommen zum anderen immer auch solche, die an jenen Bemühungen ein bald mehr wohlwollendes, bald mehr kritisch akzentuiertes Interesse nehmen, darunter immer wieder auch Wortführer der traditionellen deutschen Schulphilosophie wie Fink (Freiburg), Berlinger (Würzburg) und Landmann (Berlin).

Es gibt übrigens keinerlei Exklusivität; wer Interessehat, meldet sich an und kommt. In diesem Jahr freilich hat das lebhafte Interesse jugoslawischer Studenten bis hart an die Kapazitätsgrenze des Tagungsraumes herangeführt: Zwischen 200 und 250 Teilnehmer drängten bei der Eröffnung herein.