München

Münchens Oberbürgermeister Vogel wird in den nächsten Tagen einen Polizeibericht auf seinem Schreibtisch vorfinden, der nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist, sondern nur als Aktendokument; er soll nachträglich die beruhigende Gewißheit fixieren, daß der Stadtrat vor eineinhalb Jahren eine richtige Entscheidung getroffen hat. Denn damals lehnte er die Errichtung eines Eros-Centers in der bayerischen Metropole ab.

Verfasser des Berichts ist Polizeipräsident Manfred Schreiber, der als vormaliger Kriminaldirektor eine vielgerühmte Spürnase für Großstadtgesindel hat, sich ab und zu einen Spaß daraus macht, höchstselbst das Bahnhofsrevier zu nachmitternächtlicher Stunde zu kontrollieren, und im Spurt durch die Maximilianstraße bereits eigenhändig einen Gesetzesbrecher gefaßt hat. Auch im Umgang mit Dirnen hat der Exkriminale sozusagen hautenge Erfahrung. Er plädierte seinerzeit entschieden gegen ein Eros-Center und sagt nun in seinem jüngsten Dirnen-Bericht: „Ich bin heute froh, daß wir damals in München vom Bau einer Liebesburg abgeraten haben.“

Präsident Schreiber nützte nach einer Tagung der Polizeichefs in der Hansestadt vergangene Woche die Gelegenheit, den Damen in Hamburgs Eros-Center auf der Reeperbahn einen Studienbesuch abzustatten und das Problem zu recherchieren. Eben daraufhin fand er seinen Standpunkt, das stadträtliche Nein und die Münchner Einrichtung des „Sperrbezirks“ als gut bestätigt.

Bereits vor nahezu zehn Jahren verbannte München die Prostituierten mit und ohne Registrierkarte aus dem Stadtzentrum. Es wurde eine Bannmeile festgelegt. „Sie hat sich gut bewährt, aber der volle Erfolg, den man sich erhoffte, stellte sich doch noch nicht ein. Die Dirnen wanderten nämlich lediglich in unmittelbar am Zentrum gelegene Straßen ab“, vermeldeten immer wieder die lokalen Polizeireporter. Im Wonnemonat des Jahres 1963 beschloß deshalb der Stadtrat in einer nichtöffentlichen Sitzung, das Sperrgebiet zu erweitern; die entsprechende Verordnung der Regierung von Oberbayern ist bis 1980 in Kraft. Seitdem stehen die leichten Mädchen in den Außenbezirken, drei bis vier Kilometer vom Liebfrauendom entfernt. Neuzeitliche Stadtführer geben exakt Auskunft über die Schwerpunkte, jeder Taxifahrer weiß Bescheid, und in den Bürgerversammlungen der betroffenen Stadtteile wird mit schöner Regelmäßigkeit über das „Dirnenunwesen“ gewettert.

Die Nymphenburger fordern, die Mädchen „da hinzulassen, wo sie hingehören, nämlich ins Zentrum“. Die Laimer haben eine Anti-Dirnen-Interessengemeinschaft gegründet, 2500 Unterschriften gesammelt, dem Oberbürgermeister Brandbriefe geschickt und schließlich auch in persönlichem Einsatz versucht, den Liebesdienerinnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und immer wieder Leserbriefe: „Was die Bürger anderer Stadtteile als Zumutung empfanden, sollen wir an der Peripherie ohne Widerspruch hinnehmen. Und das nur, weil den Herren am grünen Tisch nichts Besseres einfällt. S. Schwerdtfeger, Milbertshofener Str. 7.“

Als die Rathaus-CSU im Frühjahr 1966 ein neues Programm proklamierte und ihm das populäre Motto „Sicherheit-Sauberkeit-Sittlichkeit“ gab, reiften Pläne für ein Bordell in der zumindest vom Namen her attraktiven Nymphenburger Straße. Mitglieder der CSU-Fraktion deuteten vorsichtig an, daß sie öffentliche Häuser für das kleinere Übel halten. Daß man „diese urmenschliche Angelegenheit“ ganz aus der Münchner Welt schaffen könnte, glaubten auch sie ohnehin nicht. Polizeipräsident Schreiber und die SPD-Mehrheit im Stadtrat ließen dem Bordell-Begehren jedoch keine Chance, das Eros-Projekt verschwand in der Versenkung.