Auf dem 82. Deutschen Katholikentag in Essen probte das Kirchenvolk den Aufstand. Die Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Pauls VI., die hierarchische Verfassung der Kirche und ihre soziale Rolle in dieser Welt lagen im Kreuzfeuer der Kritik.

Entgegen den Wünschen der Kirchentagsleitung verabschiedeten die 3000 Teilnehmer des Eheforums bei 90 Gegenstimmen und 58 Enthaltungen eine Resolution. In ihr heißt es, „daß sie (die Unterzeichner) der Forderung nach Gehorsam gegenüber der Entscheidung des Papstes in Fragen der Methoden der Empfängnisregelung nach Einsicht und Gewissen nicht folgen können“.

In einer Grußbotschaft, die der Münchner Erzbischof Julius Kardinal Döpfner auf der Schlußkundgebung vor 80000 Gläubigen verlas, verteidigte der Papst seine Enzyklika, die er „im Gehorsam gegen das Gesetz Gottes“ verfaßt habe und die von der „überwiegenden Mehrheit der Kirche“ mir Zustimmung und Gehorsam aufgenommen werden sei.

„Nicht wenige aber nehmen heute für sich die Freiheit in Anspruch, ihre rein persönlichen Ansichten mit jener Autorität kundzutun, die sie offensichtlich dem streitig machen, der von Gott dieses Charisma besitzt.“ Der Papst mahnte: „Freiheit besagt Achtung Unterordnung und Verantwortung, nicht aus Zwang, sondern aus der von Gott verliehenen Würde personaler Selbstbestimmung heraus.“

Von respektvoller Unterordnung war in Essen freilich nicht mehr viel zu spüren. Das „Aktionszentrum Kritischer Katholizismus“ forderte den Papst sogar auf, sein Amt freiwillig zur Verfügung zu stellen. Unter dem Motto „Mitten in dieser Welt“ wurden in 27 Foren über aktuelle politische, kulturelle und kirchliche Fragen ohne Rücksicht, auf Tabus diskutiert.

Vor allem die Jungen wandten sich gegen Manipulation und autoritäres Verhalten, der kirchlichen Hierarchie. Sie forderten Pluralismus und offene Diskussion, die dieser Kirchentag bereits stärker verwirklichte als jeder zuvor. Die Forderung nach einem „deutschen Konzil“ wurde laut. Und der Publizist Hans Heigert verlangte, der nächste Katholikentag dürfe sich nicht mehr auf unverbindliche Diskussionen beschränken, sondern müsse als repräsentative Versammlung beschlußkräftig sein.

So geriet der „Katholikentag des Aufbruchs“ streckenweise zu einem Kirchentag der Rebellion. Präsident Bernhard Vogel erklärte, „daß die Diskussionen sich in den Pfarreien und Diözesen fortsetzen werden“. Er sei sicher, daß der Essener Katholikentag richt der letzte gewesen sei.