Von Ernst Stein

Mit dem Begriff der Enzyklopädie hantiert die Bildung seit mehr als zweihundert Jahren, solange der menschliche Geist sich noch unterfangen konnte, die Summe seines Wissens zu ziehen. Enzyklopädien wurden für Bouvard und Pécuchet herausgegeben, manchmal von ihnen. Heute, da alle Polymathie nicht ausreichen würde, auch nur die Lücken und Grenzen der Wissenschaften komplett zu registrieren, tändelt nur noch der Buchmarkt mit diesem Aushängeschild.

Was sich auf zwölfhundert (zweispaltigen) Seiten immerhin erreichen läßt, zeigt das willkommene

„Lexikon der Weltliteratur“, Band II: „Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen“, unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter herausgegeben von Gero von Wilpert; Alfred Kröner Verlag, Stuttgart; 1254 S., 78,– DM

dessen erster Band (Autoren) in der ZEIT vom 17. Mai 1963 besprochen wurde.

Um sich ein Urteil über ein Lexikon zu bilden, müßte man es von A bis Z lesen wie jedes andere Buch, was selten vorkommen wird, obwohl wiederholt sei, daß Aldous Huxley, der belesenste Belletrist unserer Zeit, erklärte, auf eine einsame Insel würde er nicht zehn Bücher mitnehmen, sondern nur die Encyclopaedia Britannica.

Stichproben sind ein zweischneidiges Verfahren: Findet sich das Gesuchte, so beweist das nichts für Vollständigkeit; steht es nicht drin, dann ist es vielleicht nicht von allgemeinem Interesse und entbehrlich. Um die Genauigkeit zu überprüfen, liest man natürlich nach, worüber man selber Bescheid weiß, aber dann lassen uns solche Proben im Stich: Ob die Lebensdaten eines unbekannten Autors stimmen und ob ein ungelesenes Werk sachlich charakterisiert ist, ließe sich nur durch Vergleich mit einem zweiten, ja dritten Nachschlagewerk feststellen – und wer möchte das? Übrigens wandert manchmal ein Irrtum von Lexikon zu Lexikon, zum Beispiel die Verwechslung des Namens Frankenstein (aus dem Schauerroman) oder die falsche Definition der madeleine Prousts.