Der Moloch ist gebändigt – Phänomen einer Stadt – Mission eines Architekten

Von Eka von Merveldt

Drive-in-Kinos, Drive-in-Banken, Drive-in-Restaurants, Drive-in-Kirchen. Ganz Los Angeles ist der größte Drive-in der Welt. „Mit einer Wagenladung Maschinenpistolen erregt man in dieser Stadt weniger Mißtrauen bei der Polizei, als wenn man hundert Meter zu Fuß geht“, schrieb ein schwedischer Journalist. Buntscheckige Elendsviertel, Millionärshäuser, Tausende von Ölpumpen am Meeresstrand. Darüber blauer Himmel und in der Mitte Smog, der die Gesundheit der Menschen gefährdet und Orchideen und Spinat nicht mehr wachsen läßt. Los Angeles ist ein wuchernder Pilz.

Als ich das erstemal in diese Stadt kam, habe ich mich nach drei Tagen ins Bett gelegt und bin dann abgereist. Ich konnte mit den Leuten, deren Adressen ich in der Tasche hatte, wohl telephonieren, aber wenn ich mich mit ihnen verabreden wollte, handelte es sich stets um zwei, drei Stunden Autofahrt in einer Stadt fast ohne öffentliche Verkehrsmittel, und das tägliche Taxigeld überstieg schnell das Budget. Man mußte die halbe Nacht im Auto verbringen, wenn man auch nur um acht Uhr abends eine Vernissage und danach noch Freunde besuchen wollte.

Als ich nach zehn Jahren wiederkam, war der Moloch gebändigt. Ein großzügiges System von Stadtautobahnen, Freeways genannt, verkürzte die Fahrzeiten um Stunden, obwohl diesmal die Stadt sich in ihrer Nordsüdrichtung am Meer entlang schon auf hundertsechzig Kilometer ausgedehnt hatte gegenüber neunzig Kilometer beim ersten Besuch. So weit wie von Hamburg bis Bremen Häuser, Häuser, Häuser.

Es ist nicht ohne eine gewisse Anmut, wie die schweren amerikanischen Wagen auf den Freeways durch die Stadt gleiten. Die meist achtspurigen Autobahnen halten das wuchernde Gebilde zusammen wie elastische Gewebe eine üppige Dame. Am Kreuzungspunkt Downtown türmen sich die Freeways vierstöckig übereinander, und traumtänzerisch, wie ferngesteuert, wechseln die Autos in schnellem Rhythmus die Bahnen und suchen die Abfahrten. „Betonkorsett“ nennt der Besucher aus Europa verächtlich die feste Konstruktion der Straßen, die an Stelle von S- und U-Bahnen die Stadt brutal in lauter Abschnitte zerschneiden, und er registriert resigniert, daß es zu Zeiten der Rushhour auch auf diesen überdimensionalen Autobahnen zu Verkehrsstockungen kommt.

Aber die Bewohner der „Stadt der Engel“ nehmen wie selbstverständlich stundenlange Fahrten in Kauf, um ihr eigenes Haus weit draußen in den Außenbezirken an den Boulevards, in den ländlichen Oasen mitten in der Metropolis, in den Falten der Canyons und auf den Bergeshöhen zu erreichen.