Bonn, im September

Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat sich bereit erklärt, vorzeitig von seinem Amt zurückzutreten.

Das Karussell der Kandidaten für den höchsten Posten der Bundesrepublik hat mit Lübkes Entscheidung neuen Schwung bekommen. Der FDP-Vorsitzende Scheel und sein Stellvertreter Genscher taten kund, die FDP-Stimmen in der Bundesversammlung würden dem besten der Kandidaten zufallen. Doch wer ist der Beste? Ist Gerhard Schröder besser als Eugen Gerstenmaier, Gustav Heinemann besser als Professor Hallstein oder besser als der Präsident des Evangelischen Kirchentages, Richard von Weizsäcker? Oder wäre ein Professor von Rang ein wünschenswerter Kandidat?

In der CDU stehen zwei Männer im Vordergrund der Überlegung: Bundestagspräsident Gerstenmaier und Verteidigungsminister Schröder. Noch vor kurzem schien es, als habe Schröder die besseren Chancen, aber man weiß bis heute nicht, ob er den Posten auch wirklich anstrebt. Der Protestant Eugen Gerstenmaier hat in der CDU keinen so starken Anhang wie Schröder, aber er hat den Konfessions-Proporz für sich – und einen einflußreichen Fürsprecher: den Bundeskanzler und CDU-Parteivorsitzenden Kiesinger; er hofft wohl, mit Gerstenmaier als Bundespräsident leichter zurechtzukommen als mit Schröder.

Die SPD hat sich offiziell noch nicht entschieden, doch gilt Bundesjustizminister Gustav Heinemann als ihr Kandidat. Ob er genug FDP-Stimmen auf sich ziehen kann, die zu seiner Wahl notwendig sind, ist noch offen. Würden sich die beiden großen Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen, dann hätte wohl Bundesverkehrsminister Leber Chancen, der bei einem großen Teil der CDU/CSU Beifall gefunden hätte. Eine solche Einigung steht indes nicht mehr zu erwarten. Das Rennen ist offen. R. S.