Heinrich Lübke will bereits vor Ablaut seiner Wahlperiode zurücktreten, die offiziell erst im Herbst 1969 auslaufen wird. Damit endet die Amtszeit des zweiten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland ebenso glücklos, wie sie 1959 begonnen hatte.

Nach dem Ausscheiden von Theodor Heuss plante zunächst der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Erst als er die – nach seinen Maßstäben – politische Bedeutungslosigkeit des Amtes erkannte, verzichtete er. Bei der Suche nach einem Ersatzmann verfiel die CDU/CSU nur vierzehn Tage vor der Wahl auf den damaligen Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke. Die Bundesversammlung wählte ihn ohne Enthusiasmus.

Schon in den fünf Jahren seiner ersten Wahlperiode häuften sich indessen mit den Reden und Empfängen rhetorische Fehlleistungen. Als schließlich Ende 1963 seine Wiederwahl anstand, suchten führende Politiker der CDU/CSU nach einer personellen Alternative.

Da preschte am 6. Januar 1964 der SPD-Vize Herbert Wehrer vor und verkündete, daß er sich für eine Wiederwahl Lübkes einsetzen werde. Damit waren alle Bestrebungen der CDU/CSU, den Sauerländer zu ersetzen, torpediert: Lübke wurde wieder nominiert und gegen die Stimmen der FDP in Berlin am 1. Juli 1964 ein zweites Mal gewählt. Doch Lübke war von nun an nur noch öfter Zielscheibe der Kritik. Die stets wiederholten, aber nie eindeutig geklärten Anschuldigungen Ostberlins, Lübke sei am Bau von KZ-Unterkünften beteiligt gewesen, wuchsen sich schließlich zu einem öffentlichen Skandal aus. Bei allen öffentlichen Auftrit:en zeigte Lübke zuletzt so deutliche Ausfallerscheinungen, daß ihm Parteifreunde äußerste Zurückhaltung bei Auftritten in der Öffentlichkeit nahelegten.

Die wachsende Kritik in der Öffentlichkeit ließ die führenden Politiker aller Parteien zu dem Schluß kommen, Lübke solle vorzeitig zurücktreten. Ein weiteres Problem kam hinzu: Im nächsten Jahr würde der reguläre Wahltermin mit dem Höhepunkt des Bundestagswahlkampfes zusammenfallen. Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Rainer Barzel, wollte sogar die Verfassung ändern, um dem zögernden Lübke den Rücktritt schmackhaft zu machen: Die Amtszeit des Bundespräsidenten sollte auf sieben Jahre – ohne Recht auf Wiederwahl – verlängert werden.

Doch auch dieser Vorschlag verschwand in der Versenkung. Um so überraschender kam jetzt die Ankündigung des Bundespräsidialamtes. Obwohl kein Termin genannt wurde, rechnet man in Bonn damit, daß Lübke im März 1969 zurücktreten wird.

In der Bundesversammlung werden die Christlichen Demokraten mit 479 Stimmen nicht die absolute Mehrheit haben, auf die SPD entfallen nicht einmal 450 Delegierte. Damit wäre jede der beiden Koalitionsparteien für ihren Kandidaten auf die 84 Stimmen der FDP angewiesen. Die NPD wird mit 22 Delegierten vertreten sein.

Die Freien Demokraten wollen offenbar keinen eigenen Kandidaten präsentieren. In Kreisen der CDU/CSU wurden bisher der Bundestagspräsident Gerstenmaier und der Bundesverteidigungsminister Schröder als mögliche Kandidaten genannt; bei der SPD sind Verkehrsminister Leber und Justizminister Heinemann im Gespräch.