Das Prager Lehrstück vom gewaltlosen Widerstand

Von Theodor Ebert

Theodor Ebert, Politologe und Assistent am Berliner Otto-Suhr-Institut, ist durch verschiedene Publikationen als Theoretiker des waffenlosen Widerstandes („Civilian defense“) hervorgetreten.

Die Besetzung der ČSSR war eine Tragödie; aber sie war auch ein Lehrstück – ein Lehrstück für alle Völker, die sich einer militärisch überlegenen, potentiellen Invasionsmacht gegenübersehen werden.

Nach den Worten des Parlamentspräsidenten Smrkovsky hat sich die ČSSR am 21. August „plötzlich von einer riesigen Militärmacht besetzt gesehen, der zu widerstehen absolut hoffnungslos und ausgeschlossen war“. Diese Situation sei in der Geschichte seines Landes „weder neu noch ungewöhnlich“ gewesen. Auch die Geschichte anderer europäischer Länder kennt vergleichbare Situationen. Deutschland blieb bei der Ruhrbesetzung 1923 nur der passive Widerstand; Dänemark verzichtete im Zweiten Weltkrieg von vornherein auf eine militärische Verteidigung und Norwegen mußte sie bald aufgeben. Schon damals half der gewaltlose, zivile Widerstand die nationale Einheit und die demokratischen Lebensformen bewahren.

Man hat aus diesen Erfahrungen in der Vergangenheit nur den Schluß gezogen, in Zukunft militärisch besser gerüstet und an der Seite mächtiger Verbündeter solchen Situationen zu begegnen. Aber warum eigentlich nicht aus der Not eine Tugend machen? Läßt sich der zivile Widerstand nicht gesellschaftspolitisch und organisatorisch so vorbereiten, daß er einen der militärischen Abschreckung vergleichbaren Warneffekt hat oder im Ernstfall eine Invasion scheitern ließe?

Der erste, der diese Frage mit Ja beantwortete, war Mahatma Gandhi. Am 6. Oktober 1938 veröffentlichte er einen Artikel „Wenn ich ein Tscheche wäre“. Gandhis allgemeiner Rat, den nationalsozialistischen Machthabern gewaltfreien Widerstand zu leisten, war damals freilich wertlos, da er ihn nur individual-ethisch und nicht aus der gesellschaftlichen Lage der Tschechoslowakei begründete.