Nach dem Einmarsch in Prag: Enge Grenzen für Entspannung

Von Pietro Quaroni

Der Vietnamkrieg hat Amerika in eine moralische Krise gestürzt. Die Vereinigten Staaten haben alle ihre Kriege, auch den gegen Spanien, auf Grund eines sittlichen Imperativs geführt. Heute fragt sich die öffentliche Meinung in Amerika, ob die Amerikaner das Recht haben, dem vietnamesischen Volk um der Freiheit willen so viel Leid zuzufügen. Frankreich war damals lediglich kriegsmüde; die Amerikaner fragen sich ob dieser Krieg gerecht ist oder nicht.

Darüber hinaus stellt die Erfahrung in Vietnam die politische Führung Amerikas vor ein Problem: Kann die Eindämmung, die Grundlage der amerikanischen Politik bleibt, weltweit sein? Ist es möglich, alle potentiellen Vietnams, die in dem einen oder anderen Teil der fünf Kontinente entstehen könnten, in Schach zu halten? Es geht also um das Eingeständnis, daß man sich damit abfinden muß, in einigen Teilen der Welt den Kommunismus nicht in Grenzen halten zu können. Welches sind nun die möglichen Folgen eines teilweisen oder totalen Rückzugs der Amerikaner aus Vietnam?

Höchstwahrscheinlich wird bei uns in Europa das Ende des Vietnamkrieges mit Begeisterungsausbrüchen begrüßt. Man wird diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs sagen, daß endlich der Weg für eine echte Entspannung frei ist. Das ist eine Illusion, die im besten Fall ein paar Monate anhält. Ein amerikanischer Sieg in Vietnam, der die Russen wirklich zu dem Eingeständnis gezwungen hätte, daß auch die linke Revolution ihre Grenzen hat, wäre ein wirksamer Schritt vorwärts auf dem Weg einer echten Koexistenz gewesen. Ein Sieg der russischen Theorien dagegen, wie ihn ein noch so getarnter amerikanischer Rückzug aus Vietnam bedeutet, kann die Russen nur anspornen und vielleicht zu Abenteuern auf Gebieten reizen, die für uns selbst gefährlich sind.

Es wird dann das Problem auftauchen, wie es sich erreichen läßt, daß Europa in diese revidierte Eindämmungspolitik durch Amerika einbezogen wird. Im Taumel einer humanitären und pazifistischen Begeisterung haben wir etwas für uns Lebenswichtiges vergessen: Solange in Amerika noch die Theorie der weltweiten Ingrenzhaltung gilt, können wir sicher sein, daß es im Notfall in Europa intervenieren würde.

Aber wenn Amerika zu einer selektiven Ingrenzhaltung übergeht, müssen wir dafür sorgen, daß Europa zum echten amerikanischen Interessenbereich gehört. Und hier zeigt sich, wie absurd die Amerikafeindlichkeit ist, in die wir hier, zum großen Teil unter dem Einfluß Frankreichs, aber auch in beträchtlichem Maß durch das Zusammenwirken einer Reihe von irrationalen Impulsen, seit einiger Zeit geraten sind.