Von Richard Schmid

Francis L. Carsten: „Der Aufstieg des Faschismus in Europa“; Band 65 der res novae der Europäischen Verlagsanstalt, Frankfurt/Main, 305 Seiten, 16,80 DM.

Ernst Nolte: „Faschismus. Von Mussolini zu Hitler“; Texte, Bilder, Dokumente; Verlag Kurt Desch, München; 403 Seiten, 64,– DM.

Der Sammelbegriff „Faschismus“ hat sich gegen anfänglichen Widerspruch für eine Reihe von Bewegungen und Tendenzen durchgesetzt, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem mehr oder weniger christlichen Europa entstanden sind. Die Abgrenzung zu anderen Bewegungen, die historischen, ideologischen und psychologischen Wurzeln des Faschismus, seine spezifischen Eigenschaften, sind aber im einzelnen immer noch strittig. Die im Jahre 1963 erschienene große Darstellung Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“ hat die Forschung und Diskussion anhand der drei Komplexe Action française, italienischer Faschismus, Nationalsozialismus, zusammengefaßt und geschichtsphilosophisch erheblich vertieft.

Mit geringerer Ambition tritt das Buch von Carsten auf, eines in Berlin geborenen, in England tätigen Hochschullehrers. Soweit er Ursachenforschung betreibt, sind es vorwiegend die sozialen Umstände, denen er nachgeht, nicht die ideologischen – wie bei Nolte – und nicht die individual- und massenpsychologischen, die neuerdings bei uns in den Vordergrund zu treten im Begriffe sind. Die Wirkung Hitlers und anderer faschistischer Führer auf ihre Umgebung und auf ihre Zuhörer, die der heutigen Generation so rätselhaft erscheint, und die psychischen Wurzeln des Antisemitismus sind ja auch Fragen, die weniger zur Geschichtsschreibung als zur Verhaltensforschung und zur Psychoanalyse rangieren.

Carsten stellt die Action française sehr kurz dar, etwas ausführlicher den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus samt seiner völkischen Vorläufer, ferner die faschistischen Bewegungen in Belgien, England, Finnland, Ungarn, Rumänien, zuletzt auch das totalitäre Franco-Regime, das allerdings, wie die österreichische Heimwehr, auch nichtfaschistische Elemente enthält. Darstellung und Diktion sind – abgesehen von einigen sprachlichen Flüchtigkeiten – einfach und klar; sie würden, sich, da Hochproblematisches gemieden wird, durchaus für den Geschichtsunterricht eignen. Was über Einfluß und Verbreitung des Nationalsozialismus in Hand von Wahlergebnissen und Mitgliederzahlen innerhalb der deutschen Länder und Landschaften gesagt ist, entspricht im großen und ganzen der gesicherten Forschung. Carsten sagt:

„Zweifellos widerstanden die katholischen Gegenden den Verlockungen des Nationalsozialismus besser als die protestantischen und die Großstädte und Industriebezirke besser als die Kleinstädte und das flache Land, obgleich die Parteipropaganda stark auf die Arbeiterviertel und die Großstädte konzentriert war. Viele Katholiken wurden durch das nationalsozialistische Neu-Heidentum abgestoßen. Protestantische Minderheiten in katholischen Gegenden – in Franken und der Pfalz – neigten anscheinend besonders stark zum Nationalsozialismus. Gerade hier und in Schleswig-Holstein haben auch die Nachfolger der Nationalsozialisten ihre stärksten Erfolge zu verzeichnen gehabt, vor allem in bestimmten Städten; die regionale Verteilung politischer Einflüsse hat selbst die Katastrophe von 1945 überlebt.“