Über den XIV. Internationalen Philosophen-Kongreß in Wien

Von Willy Hochkeppel

Eeigentlich war es doch ein bemerkenswerter Philosophen-Kongreß. Obwohl man ihn zunächst als den bislang sterilsten und langweiligsten kennzeichnen muß. Und natürlich war es der rebellischen Jugend vorbehalten, lautstark und urgestüm auszusprechen, was die versammelten Kapazitäten wohl auch dachten, aber sich nur bei einem Kaffee zuflüsterten.

Was da unzulänglich war, möchte man nicht urbedingt den Veranstaltern des Kongresses, namentlich dem Präsidenten Leo Gabriel und seinem weinseligen Vizepräsidenten Erich Heintei („Was hätt’ i denn tun solln, i bin nur der Vizepräsident“), beide aus Wien, allein anlasten. Man weiß doch, wie derartige Treffen sogleich offiziell vereinnahmt und zum höheren Ruhm von Stadt und Nation ausgeschlachtet werden. Sind es mehr als dreitausend Philosophen aus allen Ecken der Welt, die man „für Wien“ gewinnen kann, dann kann man eben für sieben oder vierzehn Tage die Stadt zu einer profitablen Trutzburg der Kultur deklarieren. Insofern ist auch der Vorwurf der Jungen nicht von der Hand zu weisen, der Kongreß spiegle getreu die Struktur einer höchst kritikbedürftigen Gesellschaft. Vor fünf Jahren, beim letzten Internationalen Philosophen-Kongreß in Mexiko, war der Andrang nur halb so groß. Aber schon damals mußte man sich eingestehen, daß rund 1500 Philosophen auf einem Haufen viel zu viele sind. In Wien nun, das Mexico City weit in den Schatten stellt, war die Katastrophe unvermeidbar.

Auf den Plenarsitzungen, die jedermann seit langem für unsinnig und anachronistisch hält, wurden die Referate bündelweise abgehaspelt. Die zahllosen darangehängten sogenannten Diskussionsbeiträge sind in der Regel nicht mehr als zu weiteren Vorträgen aufgeschwollene Gedankenflüge, in denen auf die Thesen der Vorgänger nur en passant eingegangen wird. Das meiste davon steht übrigens schon in den Kongreßakten, du man vor Beginn der Sitzungen ausgehändigt bekommt. Zweifellos finden sich sehr beachtenswerte Gedankengänge in einigen der großen Vorträge – etwa Adam Schaffs Vortrag über „Sprache. Denken, Handeln“ oder Karl Poppers Untersuchung zur „Theorie des objektiven Geistes“, oder C. W. K. Mundles (North Wales) ironischer Verriß der englischen Sprachphilosophie: doch wie ein einzelner Maikäfer ein schönes Tierchen ist, fünfhundert aber zur Insektenplage werden, so verliert man auch bei einer Unzahl von Vorträgen jeden Geschmack am einzelnen noch so geistreichen Essay.

Überdies stand den meisten in jener Woche der Sinn nach etwas anderem. Das Denkertreffen platzte ja in eine politische Situation, und mit einem Zusammenprall der etwa 90 tschechischen Teilnehmer mit der ungefähr 160 Mann starken sowjetischen Delegation war zu rechnen, zumal Sitzungen anberaumt waren, die einen solchen Eklat anscheinend unvermeidbar machten: ein sich über zwei lange Nachmittage hinschleppendes Kolloquium „Marx und die Philosophie der Gegenwart“ sowie die Plenarsitzungen über „Freiheit: Verantwortung und Entscheidung“ und über „Philosophie und Ideologie“.

Aber auch dort wurde niemand von der Langeweile erlöst. Im Marx-Kolloquium gab man sich vorwiegend philologisch und exegetisch; die Sowjets lasen die Proklamationen ab, die man von ihnen erwartete – vorneweg wie stets die Kongreßtiger Theodor Oiserman und Mork Mltin, beide aus Moskau. Die Tschechen vermieden begreiflicherweise drastische Provokationen. (Hinter den Kulissen soll es allerdings gelegentlich zu harten Worten gekommen sein, erfuhr man über sieben Ecken.)