Ja, ich bin voreingenommen. Wenn zum Beispiel ein Botaniker über ein Experiment berichtet, aus dem statistisch hervorgeht, daß ein starkes Magnetfeld das Wachstum einer bestimmten Pflanze fördert, dann bin ich bereit zu glauben, daß der Forscher alle Fehler, die ein solches Resultat hätten vortäuschen können, von vornherein ausgeschaltet hat; ich würde ihm auch nicht unterstellen, er habe negative Resultate seiner Versuchsreihe zugunsten einer überzeugenderen Statistik unter den Tisch fallen lassen.

Nicht so bei den Parapsychologen. Während sie ihre Resultate mitteilen, zerbreche ich mir den Kopf darüber, wo wohl der Schwindel stecken könnte. Freilich würde einem vieles leichter gemacht, wenn Psi nicht so kapriziös wäre. Parapsychologische Experimente wollen zum Beispiel immer dann nicht funktionieren, wenn man sie unter der Beobachtung von Skeptikern ausführt.

Es ist beruhigend zu wissen, daß selbst die Fachleute gelegentlich von Zweifeln geplagt werden. Das zeigte sich bei der letzten Veranstaltung der interessanten Tagung. Ein Podiumsgespräch wurde mit der Vorführung eines Films eingeleitet, in dem ein Mann zu sehen war, der Bilder auf eine Photoplatte denken kann. Ted Serios aus Denver im US-Staat Colorado konzentrierte sich auf „Urmensch“. Unter sichtlich großer Anspannung brüllend riß er seinen Kopf vor eine Polaroid-Kamera, deren Auslöser, soweit ich es beobachten konnte, in dem Moment betätigt wurde, als der Mann in die Linse starrte. Nach anfänglich mißglückten Versuchen gelang es Seriös schließlich mehrfach, das Bild eines hockenden Urmenschen auf den Film zu bannen. Es glich aufs Haar dem Ausschnitt eines Gemäldes, das im Museum von Denver hängt.

Als die Anwesenden diese Demonstration bestaunten, meinte hinter mir jemand respektlos: „Vielleicht hat sich der Kerl das Bild mit einer radioaktiven Flüssigkeit auf die Wange gemalt.“ Ich sah mich nach dem Häretiker um – es war einer der Referenten vom Tag vorher.

Parapsychologen führen ständig einen Zweifrontenkrieg. Auf der einen Seite müssen sie sich Taschenspieler, Okkultisten, Psychopathen und Spiritisten vom Halse halten, und auf der anderen Seite haben sie sich gegen oft bösartige Angriffe seitens der Wissenschaftler zu verteidigen.

Zuweilen aber kommt ihnen Schützenhilfe aus Lagern, wo man sie am wenigsten vermuten würde, zum Beispiel von der Theoretischen Physik, wie man am vorigen Sonnabend vernehmen konnte. Professor Joachim Petzold, Ordinarius für Theoretische Physik an der Universität Marburg, skizzierte das Gerüst einer Hypothese, die Psi in ein modernes Weltbild einordnen könnte.

Die Elementarteilchen, die Bausteine der Materie, habe man bislang für punktförmige, also im mathematischen Sinne für ausdehnungslose Gebilde gehalten, dozierte der Gelehrte. Diese Annahme führe aber nach der speziellen Relativitätstheorie zu Widersprüchen, die man umgehen könne, wenn man den Elementarteilchen eine räumliche Ausdehnung zumesse. Dafür sprächen überdies experimentelle Befunde. Nach Einsteins Relativitätstheorie aber müsse ein solches Teilchen, wenn es kein Punkt sei, eine unendliche, das ganze All erfüllende Ausdehnung besitzen, mithin überall gegenwärtig sein. Die Intensität, mit der ein solches Teilchen an den verschiedenen Orten des Universums wirke, sei natürlich sehr unterschiedlich. Damit freilich sei jeder materielle Gegenstand überall gewissermaßen ein bißchen vorhanden, also auch im Menschen – ein Gedanke, über den man, wie Petzold meinte, vielleicht Zugang fände zu der Vorstellung indischer Yogis, nach der „die ganze Welt in mir“ ist.