Mitte nächster Woche beginnt in Frankfurt die Buchmesse, und die Leute von der Spitze des Börsenvereins sehen ihr offenbar mit einigem Grausen entgegen.

Im Namen einer „ordnungsgemäßen Messearbeit“ und um „spektakulären Begleiterscheinungen“ vorzubeugen, verschickte der Vorstand des Börsenvereins in den letzten Wochen Warnbriefe an eine Reihe ausgewählter Verlage. „Wir appellieren“, hieß es darin, „an alle Kollegen, ... selbst alles zu unterlassen, was den friedlichen Ablauf dieser großen Veranstaltung gefährden könnte. Wir bitten Sie, auch auf Ihre in Frankfurt anwesenden Mitarbeiter in diesem Sinne einzuwirken und Verständnis dafür zu haben, wenn schließlich zur Aufrechterhaltung des Messefriedens Maßnahmen notwendig werden sollten, die der einzelne vielleicht als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit empfinden sollte. Die Frankfurter Buchmesse muß im Zeichen gegenseitiger Toleranz stattfinden, sie ist. nicht der Platz für politische Auseinandersetzungen irgendwelcher Art, für Demonstrationen oder enthemmte Selbstdarstellungen. Einige Kollegen veranstalten während der Frankfurter Buchmesse besondere Verlagsempfänge. Auf einzelnen dieser Empfänge haben sich im vergangenenJahr Szenen abgespielt, die dem Ansehen des Buchhandels sehr geschadet haben ... Diese Empfänge waren unseres Berufsstandes unwürdig...“

Ein zweiter Brief, noch gezielter versandt, macht klar, wie die Messedirektion dazu kommt, Demonstrationen und Verlagsempfänge in einem Atem zu nennen: „Wir haben das Gefühl, daß mancher, der auf der Frankfurter Messe seine Meinung glaubte demonstrierend zum Ausdruck bringen zu müssen, vielleicht dadurch animiert wurde, daß manche Verleger am Abend zuvor zu Partys eingeladen hatten.“ (Eine atemberaubende Naivität dies: die Studentendemonstrationen als Ergebnis eines Party-Katers!)

Dieser Brief kommt zu dem Schluß: „Was wollen wir alle? Unsere Bücher verkaufen. Das kann in einer Atmosphäre des Radaus nicht geschehen.“

Die Haltung, die zu diesen beiden Briefen inspirierte, hatte der Vorsteher des Börsenvereins, Friedrich Georgi, bei einem Vortrag in Hamburg schon vor Monaten gleichsam im Rohzustand ausgedrückt und dadurch noch klarer und kenntlicher gemacht. Er sprach von „widerwärtigen Randerscheinungen“, die es notfalls mit Zwangsmaßnahmen zu verhindern gelte, von der üblen „Übersättigung der Messe mit Pornographie“, von der bezeichnenden Verquickung von Pornographie und politischem Radikalismus; und er meinte, die Verlagsempfänge lockten „Gammler“ scharenweise nach Frankfurt – dort könnten sie sich einmal kostenlos satt essen.

Mir scheint, hier handelt es sich nicht allein um Befürchtungen für den „Messefrieden“, sondern um eine tiefere Krise, in der das Selbstverständnis des Buchhandels heute steckt.

Was der Börsenverein zu wahren versucht, ist mehr als ein ungestörter Verlauf der Messe. Es ist das hergebrachte Bild, das sich der Buchhandel von sich selber macht – möglichst unauffällig Geschäfte tätigen, und bei den Feierstunden die Worte vom hohen kulturellen Auftrag, ganz unpolitisch alles natürlich, kurzum: Würde. Was dazu nicht paßt, ist „Radau“ und „Pornographie“.

Aber ein quantitativ zwar kleiner Teil der Bücher, die da in Frankfurt Käufer suchen, immerhin jedoch jener Teil, an den man zuerst denkt, wenn man „die Literatur“ sagt, kündigt gerade die Konventionen bürgerlicher Wohlanständigkeit auf, die jenem Berufsbild zugrunde liegen. Die Gedanken, mit denen man handelt, sind nicht so brav, politisch wie moralisch: Wie sollte das auf die Händler nicht abfärben? Die „Gammler“, die dem Börsenverein im vorigen Jahr so unangenehm aufgefallen sind – das waren Autoren, das waren Künstler, das waren die mit ihnen zusammenarbeitenden Lektoren. Das soignierte Bild, das die Funktionäre des Buchhandels sich von ihrem Berufsstand machen, liegt in Konflikt mit dem Geist vieler der Waren, an denen man verdienen will. Das ist das eigentliche Dilemma, und es ist nicht dadurch zu lösen, daß die Funktionäre des Börsenvereins dessen Mitgliedern mit Eingriffen in die persönliche Freiheit drohen; es wäre zu lösen höchstens dadurch, daß sie vor allem anderen gerade auf ihr bestehen. Dieter E. Zimmer