Selten sind die Ansichten über die Zukunft der deutschen Aktienmärkte so geteilt gewesen wie im Augenblick. Die Differenzen in den Auffassungen haben zwar schon vor dem hitzigen Aufflackern der Aufwertungsdiskussionen bestanden, jetzt sind sie noch augenfälliger geworden. Wie mir von den Banken gesagt wird, hat ein Teil der Kundschaft in den vergangenen Tagen schon länger gehegte Verkaufsabsichten verwirklicht. Diesmal will man klüger sein als 1961, dem Jahr der ersten Mark-Aufwertung, und vorher seine Papiere abstoßen.

Auf der Verkaufsliste obenan standen die besonders exportintensiven Werte, allen voran natürlich die VW-Aktien. Die Reserve gegenüber exportstarken Aktien ist übrigens schon älteren Datums. Seit einigen Monaten werden deutlich jene Papiere bevorzugt, die als reine Inlandswerte gelten können. Dazu zählen die Versorgungsaktien, Kaufhäuser und bis zu einem gewissen Grade auch die Brauereien.

Angelpunkt aller weiterer Börsenüberlegungen bleibt vorerst die Aufwertungsfrage. Nach den Dementis von Mitgliedern der Bundesregierung und der Erklärung von Bundesbankpräsident Blessing, wonach diese Frage erst akut wird, wenn sich bei uns die Preise nach oben in Bewegung setzen sollten, ist dieses Problem nur zunächst einmal „vom Tisch“. Aktienkäufer und -besitzer haben aber Zeit, ihre Überlegungen in Ruhe zu Ende zu führen.

Zu Beginn dieser Woche waren nahezu alle Börseninformationsdienste übereinstimmend der Ansicht, daß in den deutschen Aktienkursen das Aufwertungsrisiko von 5 bis 7 Prozent bereits zum Ausdruck gebracht ist. Im langfristigen Trend mag das stimmen. Kurzfristig würde eine Aufwertung für die Börse immer noch ein Schock sein. Er würde jedoch diesmal nicht zum Markstein auf dem Weg zu einer neuen Baisse werden, doch wahrscheinlich die weitere Aufwärtsbewegung bremsen.

Viele Banken empfehlen ihrer Kundschaft, den Bestand an sofort greifbarer Mittel zu erhöhen, um alle sich bietenden Chancen wahrnehmen zu können. Ein Teil der flüssigen Gelder kann dann ruhig vorübergehend in den hochverzinslichen Rentenpapieren angelegt werden, wo sie immerhin noch eine Rendite von etwa 6 1/2 Prozent abwerfen. Die deutschen Investment-Fonds hatten sich schon zum 30. Juni erhebliche Liquiditätspolster angelegt. Das taten übrigens auch die holländischen Anlagegesellschaften Robeco und Rolinco, die sich beide stark in deutschen Werten engagiert haben. 25 Prozent der flüssigen Robeco-Mittel sind übrigens in Gold angelegt. Weniger weil man sich hierdurch einen spekulativen Gewinn verspricht, sondern als Alternative für das Halten eines Guthabens in Geld. „Wir glauben, daß das Risiko eines Rückganges des Goldpreises auf dem freien Markt vorläufig bedeutend geringer ist als die Aussicht auf Steigerung.“ Tatsächlich will die Fonds-Leitung auf diese Weise einen Teil ihrer flüssigen Mittel dem inflationären Trend in der Welt entziehen.

Der Kauf und Verkauf von Gold ist in der Bundesrepublik durch die Mehrwertsteuer so verteuert, daß eine Goldanlage schon von dieser Seite her problematisch ist. Für deutsche Sparer ist es zur Zeit unbedenklich, ihre flüssigen Mittel in Mark zu halten. In den nächsten Monaten ist nicht zu befürchten, daß sich die Inflationsschraube schon gefährlich rasch zu drehen beginnt.

Die „Münchener Börsenbriefe“ empfehlen als Aufwertungsschutz eine „elegante Lösung“, wie es dort heißt. Sie besteht darin, einen Teil der Barreserven in hochverzinslichen Mark-Anleihen anzulegen. Dafür bieten sich gegenwärtig sowohl die 7prozentige Anleihe des finnischen Erzkonzerns Outukumpu Oy als auch die neue 7prozentige Anleihe der Republik Argentinien an. Diese Anleihen sollen dann mit einem Dollarkredit beliehen werden. Mit den so gewonnenen Dollars erwirbt man dann US-Aktien, von denen anzunehmen ist, daß sie in nächster Zeit im Kurs steigen werden. Nach einer Aufwertung liquidiert man dann den Besitz an US-Aktien und zahlt den Dollarkredit billiger zurück.