Drei Wochen nach der Intervention des Warschauer Pakts in der ČSSR zeigte es sich immer deutlicher: Die „Normalisierung der Lage“ – den Reformern um Svoboda und Dubček von den Sowjets als Vorbedingung für den Abzug der Okkupationstruppen diktiert – wird in Moskau und Prag verschieden interpretiert.

Das sowjetische Parteiorgan „Prawda“ forderte kategorisch, die Normalisierung dürfe nicht in Äußerlichkeiten steckenbleiben. Erstes Gebot sei die „Entlarvung und Unterdrückung der Gegenrevolution“. Die tschechoslowakische Parteiführung hingegen verlangte „direkte und offene Verhandlungen über alle Fragen zu führen, die die Verwirklichung der Moskauer Abkommen behindern.“ Der Kreml entsandte den Stellvertretender Außenminister Kusnezow in die ČSSR – ein seit der Kuba-Krise bewährte; „Trouble-shooter“, der die Reibungsflächen beseitigen soll.

Die Verhandlungen, die er mit KP Chef Dubček führte, fanden in einer „kameradschaftlichen Atmosphäre“ statt Mehr wurde nicht bekannt. Dann sucht! Kusnezow den Ersten Sekretär der slowakischen KP, Husak, in Bratislava auf Die Nachrichtenagentur CTK berichtet! von einem „herzlichen und freundschaftlichen Gespräch“.

Husak hatte sich vorige Woche von dem ZK der slowakischen KP als gemäßigter Reformer ausgewiesen, der die Unterschätzung der „wahren antisozial stischen Kräfte“ kritisierte und der In teresse an einem Modus vivendi mit Moskau zeigte. Seine Rede wurde vor der gesamten sowjetischen Presse ausführlich zitiert.

Seither wollen Gerüchte nicht verstummen, daß Husak Dubčeks Nachfolger werden solle, wenn sich dieser an den unpopulären Entscheidungen während der Besatzungszeit abgenutzt hat.

Die sich rasch verschlechternde Wirtschaftslage dürfte der Prager Regierung indes die härteste Prüfung auferlegen Seit „Ankunft der fremden Truppen“ so berichtete das Parteiorgan „Rude Pravo“, habe allein die Schwerindustrie einer Produktionsausfall von 920 Millionen Mark erlitten. Ministerpräsident Černik handelte am Wochenbeginn ein langjähriges Abkommen über sowjetische Erdgaslieferungen aus. Die Zusammenarbeit zwischen der ČSSR und dem Rat für Gemeinsame Wirtschaftshilfe (Comecon) soll verstärkt werden.