Von Ben Witter

Egon Rüdemesser brachte seine zweihundertunddreißig Pfund auf den Stuhl und sagte: „Ich habe die Angewohnheit, mitten in einem Satz plötzlich lange zu lachen, das darf Sie nicht stören, aber jetzt lache ich noch nicht: Als mein Vater gestorben war, lag ich mit meinem Wagen am ,Verbrecherposten‘, Ecke Spielbudenplatz, und hatte vierzehn Tage nichts gegessen. Max hieß mein Vater mit Vornamen. Von der Pferdedroschke stieg er auf eine elektrische Droschke, und dann kamen die Automobile. Er kaufte sich nacheinander drei Taxen und wurde Chef. Ich konnte schon mit dreizehn Jahren Auto fahren; für mich gab es nur meinen Vater und seine Taxen. ‚Halb sechs‘ nannte man meinen Vater in Fachkreisen. Er hatte keine Lust, immer auf die Uhr zu sehen, wenn er gefragt wurde, wie spät es sei, deshalb sagte er einfach ‚halb sechs‘. Mich nennt man ‚Schamott-Egon‘. Nach dem Krieg mußte ich Trümmer wegräumen und war der einzige, der rosig dabei aussah. Trümmer waren für mich Schamott, auch was manchmal darunter lag.“

Egon Rüdemesser bestellte sich einen Kaffee, pustete hinein, lachte im gleichen Atemzug und fuhr fort: „Ich wurde auf St. Pauli geboren und lernte auf St. Pauli Autoschlosser, und alles passierte auf St. Pauli. Ich trennte mich erst im Krieg von St. Pauli. Und fuhr einen Admiral, setzte mich nach dessen Versetzung für einen Oberstabsarzt ans Steuer und möchte sagen, daß man stets zweierlei an mir bewunderte: meinen Autoverstand und meine Stimme. Ich bin Tenor. Je höher ich hinaufkomme, desto länger bleibe ich oben. Nachdem ich schließlich auf St. Pauli lange genug in Schamott gewühlt hatte, sagten die Engländer: Du hast doch mal einen Admiral gefahren, ab Montag fährst du einen Colonel. Zum Schluß war ich ‚Minister-Fahrer‘. Bis zur Währungsreform fuhr ich den Herrn Schlange-Schöningen vom Zonenbeirat; er wollte mich mit nach Stuttgart nehmen, doch ich sagte, daß ich auf St. Pauli erwartet werde.“

Egon Rüdemesser hatte zwischendurch dreimal gelacht, er holte tief Luft und sagte mit erhobenen Armen: „Ich muß darauf hinweisen, daß ich jeden Morgen am Seil arbeite. Durch das Seilspringen wurde ich zum Frühaufsteher; morgens um drei übernehme ich meine Taxe hier am ‚Verbrecherposten‘. Ich habe eine Chefin, die sich auf mich verlassen kann. Letzte Woche stieg ein gesetzter Herr um viertel nach drei mit einer Dame ein. Ich blickte in den Rückspiegel, ,Grinsen Sie nicht so’, sagte der Herr, ‚Sie haben doch gesehen, daß die Dame ein Herr in Frauenkleidern ist‘. Ich sagte: ‚Grinsen nennen Sie das, ich freue mich, weil auf St. Pauli eben alles möglich ist.“

Egon Rüdemesser bestellte eine Schinkenwurst. „Was meine Kraft betrifft“, Egon Rüdemesser hustete, „vielleicht darf ich ein Wort dazu sagen: Ich halte sie unter Kontrolle, und das kostet Energien und zehrt an meinem Wohlbefinden. Setzte sich vorhin ein Zuhälter mit seinem Verhältnis in meinen Wagen. Die Fahrt ging zum Arzt. Sagte der Zuhälter: ‚Nächstes Mal gehst du zu Fuß; ich brauche jeden Fünfer.‘ Sein Verhältnis erwiderte: ‚Egon will auch leben.‘ ‚Egon hin, Egon her‘, sagte der Zuhälter. Daraufhin schaltete ich mich in das Gespräch ein und machte ihm klar, welche Folgen es für ihn haben könnte, wenn er mit mir einmal hin- und hergehen würde. Im stillen sagte ich mir allerdings: Egon, schlag keinen Zuhälter. Hast du einen erledigt, fallen drei andere über dich her, Geschäft ist Geschäft. Ich behalte die Übersicht. Transvestiten haben männliche Zuhälter und jede vierte Prostituierte weibliche. Die weiblichen Zuhälter geben sich genauso wie die männlichen; doch zu mir sind sie wie Mädchen.“

Als Egon Rüdemesser endlich die Hälfte seiner Schinkenwurst verzehrt hatte, fing er an zu flüstern. Ich verstand ihn nicht. „Ich habe ein paar Worte in mich hineingesprochen“, sagte er. „Wenn ich gewählt sprechen will, höre ich erst mal einen Satz im Flüsterton ab und ändere hier und da noch was. Also, die Homosexualität, sagte ich kürzlich zu einem Herrn, nimmt bedenkliche Ausmaße an. Der Herr entgegnete: Jeder kann seine Persönlichkeit frei entfalten, vorausgesetzt, er läßt Jugendliche in Ruhe und verursacht keine öffentlichen Ärgernisse.‘ Und wie ist das mit Rauschgift, wollte ich noch schnell wissen. Auf gewissen Toiletten schütten sich Halbwüchsige Preludin in den Hals, und die Mädchen gehen meistens mit dem, der die größten Portionen bewältigt. LSD nehmen die intelligenteren. Der Herr reichte mir einen Zehnmarkschein und sagte: ‚Das will ich von einem Taxifahrer auf St. Pauli nicht hören.‘“

Ich dachte, immer dieses lange Lachen. Egon Rüdemesser schien zu merken, was ich dachte, und sagte: „Ich lache, weil es eigentlich nichts zu lachen gibt, und lache lange. Würde ich kürzer lachen, hätte ich weniger Luft. Sehen wir uns folgenden Fall an: Ich sitze hier vor einer halben Schinkenwurst. Es kommt ein Anruf für mich. Siggi will gefahren werden. Siggi fährt immer mit mir. Siggi hat bestimmte Gewohnheiten. Dafür mußte er schon mehrfach sitzen. Aber selbst im Gefängnis sagte man sich, Siggi ist eben ein Gewohnheitstier. Ich holte ihn ab, und wir fuhren zum Kassieren. Ich sah aus wie sein Leibwächter. Jeder weiß, die müssen wir in Ruhe lassen. Selbstverständlich heißt der nicht Siggi...“