Die Marseillaise im Gefängnishof – Werden sie noch schießen? – Die Raserei der Freiheit

Von André Malraux

Aus dem Französischen von Carlo Schmid

Ich nahm an, daß der Major für die Dienststelle handelte, der mich die Panzerdivision überstellt hatte. Diese Stelle hatte mich einer Familienpension für würdig befunden, die zwar seltsam war, aber nichts vom Vorzimmer eines Erschießungskommandos an sich hatte. Der Raum hatte keine Fenster ... Wenn die Entscheidung nicht dahin ging, mich zu erschießen – zum mindesten nicht gleich – ging sie sicher dahin, mich in Paris vernehmen zu lassen.

Man öffnete: der Soldat, der den Major begleitet hatte; diesmal kam er in Begleitung eines Offiziers. Der Unteroffizier im Erdgeschoß nahm meine Papiere. Und wiederum der gepanzerte Wagen.

Ein entferntes Viertel; ein Turm; eine sehr lange Mauer; mit einem Kreischen seiner Bremsen schwenkte der Wagen nach links und hielt in einem gewölbten Gang. Es war ein Gefängnis. Die übliche Einschreibungszeremonie. Man nahm mir nur die Uhr ab und händigte mir eine Empfangsbescheinigung aus. Man schloß mich in ein Gelaß ein, darin einige zwanzig Gefangene waren, die man im Laufe des Tages hergebracht hatte. Jeder mißtraute jedem, doch das Bedürfnis nach der Lügenwelt der Latrinenparolen beherrschte sie alle. Diese Nacht lautete die Parole: „Im Frontabschnitt Normandie ist man durchgebrochen, und die Fallschirmjäger haben Chartres genommen.“

Am nächsten Morgen um 10 Uhr wurden wir aufgeteilt. Auf den teppichbelegten Gang folgten nun die weiten Gefängniskorridore mit ihren lukenbewehrten Türen an beiden Wänden. Ich war auf eine Zelle gefaßt, aber man schob mich in einen Raum, dessen zwei große vergitterte Fenster Verkleidungen verdeckten, die nur senkrecht einfallendes Licht durchließen. Einige zehn Gefangene in Zivil schauten zu mir herüber, ohne von ihren Strohsäcken aufzustehen, außer einem Rothaarigen mit breitem Lächeln, der mir warm die Hand drückte: „Ich bin der Stubenälteste. Willkommen im Namen der Kameraden. Ich heiße André.“