Von Karlheinz Wocker

Blackpool, im September

In einer verwaisten Bar des Wintergartens an der Schreibmaschine über angenommenen Resolutionen und verworfenen Zusätzen brütend, gewahrt man neben sich eine Figur, die einen starken Schatten aufs Papier wirft. Eine Stimme sagt jovial: „Wenn es so schwer ist, dann kann es eigentlich nicht stimmen“.

Der Schatten gehört Frank Cousins, dem Transportarbeiterboß, der offenbar gerade nichts Eiliges zu tun hat; der britische Gewerkschaftskongreß läuft sowieso nach seinem Wunsch. Auf die Versicherung, einem deutschen Journalisten sei es nicht leicht, sich durch den Dschungel des britischen Trade-Union-Wesens hindurchzufinden, grinst er fröhlich und findet, die britischen Journalisten verstünden es auch nicht besser. „Und manchmal geht es uns selbst genauso.“ Dann trollt er zum nächsten Tisch. Seine helle Sommerjoppe ist überall zu sehen, und wenn in den Fluren und Cafeterias das Bienengesumm der umherschwärmenden Delegierten abbricht und jedermann auf die großzügig verstreuten TV-Monitore starrt, dann erscheint sicher Frank, der drinnen im Saal seine Truppen zu einem neuen Sturm auf die morschen Wilson-Bastionen formiert.

Der Badeort Blackpool ist dieses Jahr zum Schauplatz des Zerfalls der britischen Arbeiterbewegung geworden. In vierwöchigem Abstand mengen sich erst die Gewerkschaften und dann die Labour Party unter die Urlauber, die finden, diese Vergnügungsstätte gehöre ihnen, und die nicht einsehen, warum man sich das geruhsame Kurbeln an einem der überall aufgebauten Glücksspielautomaten durch Lautsprecher verderben lassen muß, aus denen Clive Jenkins, Europas linkester Angestellten-Gewerkschaftler, mit schneidender Tenorstimme belfert, die Einkommenspolitik sei „so sinnlos wie der Schlag auf die Backe einer Leiche“. Wer für Sixpence Blechpferdchen um die Wette laufen läßt oder Hasen im Guckkasten schießt, der will nichts von Löhnen und Leichen hören. Denn geht es nicht allen gut?

Blackpools Strandstraße, überhangen mit den alljährlich kostspieligeren Kitschfiguren der herbstlichen Abendillumination, ist verstopfter denn je mit Wagen. Den Zusatzbuchstaben ihrer Kennzeichen sieht man an, daß sie zum größten Teil aus den letzten Jahren stammen, also inmitten der Pfundkrisen und Lohnrestriktionen angeschafft wurden. Im Tagungssaal des 100. Gewerkschaftskongresses aber reden Männer und Frauen, die überzeugt scheinen, die britische Arbeiterklasse werde von einem neuen schamlosen Manchester-Liberalismus ausgepowert, der sich teuflischerweise die Mütze einer Linkspartei aufgesetzt habe. Frank Cousins zitiert eine Zeitungsmeldung, wonach sich das Kapital, das im Jahr 1964, also bei Labours Regierungsantritt, angelegt worden sei, um durchschnittlich siebzig Prozent vermehrt habe. Raunen geht durch die Reihen. „Wir wollen ein größeres Stück vom Sozialkuchen, und wir machen auch gar keinen Hehl daraus“, funkelt er hinter seiner Brille. Man merkt, wie er sich beherrscht, denn er will nicht in die falsche Tonstärke abrutschen. Aber in allem, was er sagt, bebt die Erregung.

Seine Linie setzt sich durch. Die staatliche Preis- und Einkommenspolitik wird mit einer Mehrheit von 4:1 verworfen. Das kann nur die Moral, nicht aber die Politik der Regierung beeinflussen. Die nötigen Gesetze existieren schließlich, kein Gewerkschaftskongreß kann sie ändern. Aber auch die eigene, freiwillige Zurückhaltung der Trade-Union-Führung in Lohnfragen gerät unter Feuer. Nicht einmal das will man. Magere 34 000 Stimmen Mehrheit bei über acht Millionen abgegebenen Voten retten diese eigene Politik der Gewerkschaften vor der Verdammung.