So führen wir ein freies Leben

Von Peter Grubbe

Es ist ein kleines französisches Dorf am Nordrand der Provence, dort, wo der Mistral weht und wo die Felder blau sind von den Blüten des Lavendel. Es steht in keinem Reiseführer verzeichnet und schon gar nicht im Baedeker oder im Michelin. Auch Franzosen, denen man seinen Namen nennt, haben noch nie von ihm gehört. Denn es liegt weder am Meer noch in den Bergen, noch gibt es dort eines der berühmten Drei-Sterne-Restaurants. Es ist ein Dorf, wie es sie in Frankreich zu Hunderten gibt, nur etwas hübscher gelegen als die meisten, am Hang eines Hügels mit einem weiten Blick über das Rhönetal. Ich habe dort ein Haus.

Als ich es vor fünf Jahren kaufte, war es kein Haus, sondern ein Stall, eine „Remise“, wie man in Frankreich sagt. Die alte Kutsche stand noch darin, und an den Wänden waren Heuraufen für die Pferde. Doch bis vor etwa 150 Jahren, ehe man es zur Remise degradiert hatte, war es ein Wohnhaus gewesen.

Das Dorf, in dem mein Haus liegt, ist sicherlich tausend Jahre alt. Aber nach dem letzten Krieg, vor zwanzig Jahren, gab es nur noch drei Einwohner hier, drei alte Leute. Alle übrigen waren fortgezogen, in die Stadt oder in das Nachbardorf, das einen Kilometer entfernt liegt, nicht am Hang, sondern, bequemer, im Tal an einer Straßenkreuzung. Daß ein Dorf leersteht, ist in Frankreich nichts Ungewöhnliches. Es gibt hier viele Dörfer, die von ihren Einwohnern verlassen wurden.

Drei Leute, zwei Laternen

Damals, nach dem Kriege, erwogen die zuständigen Behörden sogar den Plan, einige der alten Häuser des Dorfes abzureißen oder zu sprengen, weil sie zu baufällig und gefährlich geworden waren. Außerdem kostete das alte Dorf, das nur noch drei Einwohner hatte, Geld: für die beiden Straßenlampen, für die Wasserleitung, für die Müllabfuhr. Aber aus irgendeinem Grund wurde nichts aus dem Plan. Vielleicht lag es nur daran, daß die Behörden in Frankreich, vor allem im Süden des Landes, nicht so gründlich sind wie in Deutschland: Der Sommer ist lang, die Sonne ist heiß bis tief in den Oktober hinein, da ist man manchmal schon damit zufrieden, wenigstens etwas beschlossen zu haben.