Von René Drommert

Die Rebellion am Lido fand zwar statt. Aber in ihr waren fatalerweise entgegengesetzte Kräfte wirksam, solche, die zum Großen tendierten, zur Zusammenfassung, zur Solidarität, zur Internationalität – und andere, die zu Partikularismus und Zersplitterung führten.

Die Feindschaft gegen den heutigen Filmbetrieb hat internationalen Charakter. „Cineasten aller Länder, vereinigt euch“, könnte die Parole der Rebellen sein. Auch bei der Biennale in Venedig, der XXIX., ging es unter anderem um die Befreiung vom Merkantilismus und die Abschaffung jeder Art von Zensur. Der Aufstand gegen die unter Benito Mussolini begründete und in den letzten Jahren von Professor Luigi Chiarini geleitete Mostra wurde wenigstens unter dem nationalen italienischen Aspekt richtig eingeschätzt: als die erste Etappe einer politischen und kulturellen Aktion, deren größeres Ziel die totale Veränderung der Struktur des italienischen Films heißt. Die heuchlerische Demokratie, die man vor allem Chiarini vorhielt, soll in eine echte Demokratie verwandelt werden. Der Ausdruck „faschistisch“ wurde des öfteren angewandt, nicht nur gegen Chiarini. Als am Abend des 25. August die Rebellen die termingerechte Eröffnung der Biennale verhinderten und Carabinieri vor dem Palazzo Posten faßten, schleuderten ihnen einige empörte Zuschauer das Wort „Fascisti“ an den Kopf.

Tückischer Widerstand

Der exponierteste Träger der Rebellion am Lido hieß Assoziazione Nazionale Autori Cinematografici, etwa zu übersetzen mit „Nationale Vereinigung der Filmschaffenden“, in der italienischen Abkürzung ANAC. Die ANAC, deren Präsident Ugo Gregoretti heißt, fand natürliche Bundesgenossen, zum Beispiel unter den Franzosen. Aber viele Bündnisse gingen auf langen Debatten wieder in die Brüche.