Wilhelm Külz? Außerhalb jener Generation der Adenauer, Heuss, Reinhold Maier dürfte dieser Name in Westdeutschland kaum mehr bekannt sein; vielleicht erinnern sich seiner noch einige Journalisten, deren politisches Weltbild sich in den Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit bildete, oder es wissen mit dem Namen einige wenige der jüngeren Generation etwas zu verbinden, die in zeitgeschichtlichen oder politikwissenschaftlichen Seminaren die „Teilung Deutschlands“ und die Neugründung der Parteien nach 1945 behandelt haben. Sie werden sich erinnern, daß Wilhelm Külz damals der Vorsitzende der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands in der sowjetischen Besatzungszone war. Mehr als dieses Faktum ist wohl kaum in unserem historischen Bewußtsein übriggeblieben. In unserem, das heißt dem westdeutschen: denn an der Tatsache, daß im anderen Deutschland dieser Name Wilhelm Külz durchaus lebendig ist und soeben eine Biographie über ihn erscheinen konnte,

Armin Behrendt: „Wilhelm Külz – Aus dem Leben eines Suchenden“; Buchverlag „Der Morgen“, Berlin (Ost); 358 S., 9,80 M.

die als ein „Lehrbuch vor allem für viele junge Menschen“ eingeführt wird, kann man einmal mehr das unterschiedliche zeitgeschichtlich-politische Bewußtsein von Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik ablesen.

In seinem Geleitwort spricht der Volkskammerpräsident und stellvertretende Vorsitzende der Liberaldemokraten, Johannes Dieckmann, davon, daß es sich hier um „das Porträt eines typischen Deutschen aus einer von 1875 bis 1948 rechnenden Lebenszeit“ handele, womit er so unrecht nicht hat und weshalb Buch und Gegenstand unser besonderes Interesse verdienen. Zunächst zur Person: In der Tat war Külz ein „typischer Deutscher“, der jedoch in mancher Hinsicht seine Klassenschranken des mittleren Bürgertums überschritt: geboren in Borna/Sachsen, aus protestantischem Pfarrhaus, deutsch-national und zugleich besitzbürgerlich-liberal, immer ein Goethe-Schiller-Zitat zur Hand, mit Begeisterung als Beamter dem Kaiserreich dienend, ohne unbedingt Preuße zu sein, die „Erhebung von 1914“ begrüßend, im Kriege ernüchtert und nach der Heimkehr aus dem Felde willens, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Die „Revolution“ von 1918/19 stellte sich als so harmlos heraus, daß der Herr Bürgermeister der Kleinstadt Zittau die Arbeiter- und Soldatenräte ruhig reden ließ und unterdessen die Amtsgeschäfte wie selbstverständlich weiterführte. Külz wurde Demokrat, reüssierte, brachte es auf Grund seiner Bildung und kommunalpolitischen Erfahrung, seiner gesellschaftlichen Umgangsformen und seines Redetalentes bis zum Innenminister unter Reichskanzler Luther und dann zum Oberbürgermeister von Dresden; man war gegen Rechts- und Linksradikalismus gleichermaßen und ohne Unterschied, kooperierte nicht mit Kapp, ließ aber auf demonstrierende Arbeiter selbstverständlich schießen – und wurde gleichwohl 1933 ein Opfer der Nazis, denn Hakenkreuzflaggen auf dem Dresdner Rathaus, das war nicht nur illegal, sondern auch stilwidrig.

Külz lernte jedoch politisch dazu. Den nationalsozialistischen Wahlerfolg im August 1932 kommentierte er scharfsinnig: „Das sogenannte Volk der Dichter und Denker eilt mit fliegenden Fahnen der Diktatur entgegen und damit einer Zeit, die von schweren revolutionären Störungen durchwühlt sein wird ... Das Bürgertum hat sich selbst als Faktor der politischen Willensbildung ausgeschaltet und wird vermutlich dafür bitterschweres Lehrgeld zahlen müssen.“ Aber es blieb zugleich die heimliche nationale Identifikation: die verschiedenen Gleichschaltungsverordnungen Hitlers dienten in seinen Augen dem „Gesamtwohl des Volkes“, noch 1938 sah er „in dem Großdeutschland von heute... die deutsche Volkswirklichkeit ausgereift“. Den Krieg, den er verabscheute, kommentierte er gleichwohl nüchtern nach den Kriterien lediglich seiner Erfolgschancen, und wie viele andere seiner Herkunft sprach er im kleinen Kreise im zerfallenden Berlin über Gegenwart und Zukunft, ohne eine eindeutige Perspektive zu haben, ohne sich an einer Verschwörung zu beteiligen, aber auch ohne Kontakte etwa zur Arbeiterschaft. 1945, im Alter von 70 Jahren, begann seine eigentliche politische Karriere.

Jetzt wurde dieses Bürgertum vor die Frage gestellt, wie es sich die nahezu einmütig postulierte gesellschaftliche Neuordnung Deutschlands vorstellte: in den Westzonen konnte es anfangs ausweichen, dann sich wieder fangen und etablieren; in der Ostzone jedoch, wo Besatzungsmacht und eine von ihr favorisierte starke Linke den Worten auch konkrete Taten folgen ließen, hieß es Farbe bekennen. Külz sagte ja zu solchen qualitativen gesellschaftlichen Veränderungen – und mit ihm große Teile jenes liberalen Bürgertums, das sich in der Liberal-Demokratischen Partei zu sammeln begann und die größte liberale Mitgliederpartei in der deutschen Geschichte überhaupt bildete, ein bei uns oftmals übersehener Tatbestand! Aber auch Männer wie Jakob Kaiser waren damals der Meinung, daß die Ostzone die politisch attraktivere und zukunftsträchtigste der vier Zonen sei, weil hier der einzige echte Neubeginn gemacht werde.

Külz starb 73jährig am 10. April 1948. Böswillige wie politische Gegner im Westen haben seine aufrichtige, wenn auch bisweilen skeptische Zusammenarbeit mit sowjetischer Besatzungsmacht und Sozialistischer Einheitspartei als Senilität, persönlichen Ehrgeiz oder „Umfallen“ qualifiziert; nichts davon ist richtig, nichts davon trifft den Kern der politischen Situation jener Jahre.