Dieter Wolf: „Die Doriot-Bewegung – Ein Beitrag zur Geschichte des französischen Faschismus“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 408 Seiten, 28,– DM.

Jacques Doriot war eine ebenso abstoßende wie faszinierende Erscheinung, eine brutale Kraftnatur, ein Mann, der zeitlebens nur extreme Positionen bezog... Er geriet im Lauf seiner Karriere mehr und mehr auf Irrwege, die in politischem Abenteurertum und selbst in der zwielichtigen Grenzzone endeten, wo sich blinder Fanatismus und Kriminalität berühren.“ Mit diesen Worten skizziert Dieter Wolf treffend das Objekt seiner breitangelegten, detaillierten Studie, die in den „Veröffentlichungen des Instituts für Zeitgeschichte“ erschienen ist.

Eines ließe sich noch hinzufügen: Jacques Doriot war ein Musterbeispiel für jene Art des politisch heimatlosen „Faschisten“, der von der extremen Linken zur extremen Rechten geworfen wurde, weil er, mit nur magerer Bildung und dünner ideologischer Tünche ausgestattet, die verwirrende, widersprüchliche Entwicklung der Zwischenkriegszeit nicht zu bewältigen wußte und schließlich die Politik auf einen Machtkampf aller gegen alle reduzierte. Doriot war in den trüben Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg Führer des französischen „Flugsandes“ – und zugleich, trotz propagandistischem Überbau seines „Parti Populaire Français“, selber Flugsand...

Der Historiker Dieter Wolf vermag mit seinem Werk das Phänomen des europäischen (und nicht nur des französischen) „Faschismus“ zu erhellen. Wege und Irrwege Doriots waren zum Teil auf persönliche Enttäuschungen und Fehlschläge zurückzuführen, zum guten Teil aber auch das Ergebnis jener haarsträubenden Umkehr aller Werte und Wertungen, wie sie sich in zahlreichen Ländern unseres Kontinents angesichts der aufstrebenden Macht Adolf Hitlers in den dreißiger Jahren vollzog.

Die traditionelle Rechte Frankreichs, die bisher Militarismus und Nationalismus für sich gepachtet hatte, wurde mit der Zeit eher „weich“ und mauserte sich gegenüber dem Dritten Reich zu einem Pazifismus durch, der – grundsätzlich und ideologisch gesehen – früher Vorrecht und Stolz der Linken gewesen war. Die Linke ihrerseits wandelte sich im Widerstand gegen die deutsche Gefahr zur nationalistischen, säbelrasselnden Bewegung. Ein Mann vom Schlage eines Doriot, der nur in Schwarz-Weiß-Begriffen zu denken wußte, der in einen erbitterten Machtkampf gegen den stets moskauhörigen Thorez verstrickt war und der deshalb um jeden Preis die Loslösung vom Kreml suchte – gerade ein solcher Mann mußte über kurz oder lang im antikommunistischen Lager landen. Aus dem fanatischen Kommunisten Doriot wurde ein widerlicher Speichellecker der Nationalsozialisten.

Die Entwicklung Doriots und seiner Bewegung zeigt aber auch ein Stück französischer Geschichte in neuem Licht. Sie weist gewisse Stärken der Dritten Republik nach, die Dieter Wolf (entgegen der heute gängigen Geschichtsklitterung in Frankreich) zu Recht betont: Daß Doriots „Partei“ trotz mancher, vielversprechender Ansätze, trotz des unbestreitbaren taktischen Geschicks ihres Führers im Grunde stets eine kümmerliche Splittergruppe blieb, beweist, „welch dürftigen Nährboden die ausgehende Dritte Republik für ein faschistisches Experiment abgab“.

Dies aufgezeigt zu haben ist eines der wesentlichsten Verdienste Wolfs. Allerdings hätte sich der Leser des umfangreichen, nicht leicht lesbaren Werks noch mehr klare Synthesen dieser Art gewünscht. Nicht immer ist es ihm leicht gemacht, den roten Faden des Buchs zu finden. Wolfs „Beitrag zur Geschichte des französischen Faschismus“ bleibt ein Beitrag, bleibt – wie der Verfasser selber gesteht – stellenweise das „Gerüst einer Untersuchung“.

Hans O. Staub