Wien, im September

Was heißt heute „Normalisierung“ in der Tschechoslowakei? Darüber hat sich offensichtlich weder der sowjetische Sonderbotschafter Kusnezow mit seinen Prager und Preßburger Gesprächspartnern ganz einigen können noch Ministerpräsident Černik, der diese Woche wieder in Moskau verhandelte. In der vierten Woche militärischer Besetzung ist die Lage weit entfernt von dem, was sich Moskau unter „Normalisierung“ der von ihm selbst erzeugten Anomalien vorstellen mag. Allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz zeigen die Prager Reformkommunisten ein Stehvermögen, das ans Unglaubliche grenzt. Weil es die Harten im Kreml herausfordert, könnte es neue Gefahren heraufbschwören.

„Wir sind entschlossen, nichts an unserer Einschätzung der Lage zu ändern, wie sie vor dem 21. August bestand“, versicherte das KP-Präsidiumsmitglied Spacek, einer der engsten Mitarbeiter Dubčeks, am 4. September dem Brünner Parteiorgan Rovnost. Die Lage sei „nicht durch unsere Schuld“ kompliziert geworden; zwar wolle man alles zur Normalisierung tun, aber „dazu gehört in erster Linie der Abzug der fremden Truppen“.

Erstaunlich schnell ist es der Prager Führung gelungen, das äußere Leben, vor allem das wirtschaftliche, aus seiner Lähmung zu lösen. Die Katastrophe, zu der sich die lange schon schwelende ökonomische Krise nach der Besetzung auszuwachsen drohte, scheint vorläufig gebannt zu sein. Freilich drückt die Last der Besatzungsschäden, die Rude Pravo auf 1,626 Milliarden Kronen beziffert, ebenso hart auf das Land – und ebenso die Anwesenheit der fremden Truppen. Sie haben manche Plätze geräumt, gewiß auch scheinen manche Befehlshaber den Beruhigungsprozeß begünstigen zu wollen, doch andere suchen nach Reibungen. Die fremden Truppen sitzen ohne juristisches oder politisches Dach sozusagen auf ihren Bajonetten – unbequem und unnötig zugleich. Sie verbreiten zwar keinen Terror, wie anfangs zu befürchten war, und auch zu einer Verhaftungswelle ist es nicht gekommen; doch die Bedrückung ist groß genug, um keine Gewöhnung aufkommen zu lassen.

Dubček und seine Getreuen bewegen sich indessen auf dem schmalen Grat, den die Moskauer Vereinbarungen vorzeichnen. Bis jetzt sind sie der Gefahr entgangen, zwischen dem aktiven Argwohn Moskaus und dem potentiellen Mißtrauen der Bevölkerung zerrieben zu werden. Das Aktionsprogramm vom Mai, das in dem Moskauer Papier formal gebilligt wurde, wird trotz widrigster Umstände wieder angepackt.

Die Pressefreiheit ist durch neue Direktiven, aber auch durch die (offenkundig begünstigte) Ausreise vieler bekannter Journalisten und Schriftsteller eingeschränkt, aber sie ist keineswegs durch strikte Zensur geknebelt worden. Ein Blick in die Zeitungen, die wieder fast normal erscheinen, zeigt das Bemühen, die heiklen Themen zu umschreiben; so fehlt jetzt das Wort „Okkupation“. Aber man kann neben sachlichen Berichten durchaus auch schwarz auf weiß die Meinung finden, daß „mit Panzern eine Freundschaft vernichtet wurde“. Auf die Frage, wie es weitergehen soll, antwortete der Chefredakteur von Kulturny Zivot in Preßburg: „Ein sogenanntes normalisiertes Leben ohne einen geistigen Kern wäre ein entfremdetes.“

Auch im praktischen Alltag versucht die Partei zu beweisen, daß sie ihre Linie nicht aufgibt: Von der Rehabilitierung der Stalinismus-Opfer, die laut Smrkovsky weitergehen soll, bis zum Aufruf, Besatzungsschäden anzumelden. Cestmir Cisars, für dessen politische Zukunft man vor zwei Wochen noch weniger geben wollte als für die Dubčeks, ist wieder als Vorsitzender des tschechischen Nationalrats aktiv und betreibt die Föderalisierung der ČSSR, die programmgemäß am 28. Oktober vollzogen werden soll.