Von Wolfram Siebeck

Was liest die elegante Dame am Abend? Welche Bücher legt der Herrenfahrer sichtbar auf den Rücksitz? Ist Böll passé? Diese Fragen des literaturbewußten Publikums werden für eine weitere Saison beantwortet, wenn in einer Woche auf der Frankfurter Buchmesse die tonangebenden Verleger ihre neuen Herbst- und Winterkollektionen vorführen.

Durch gezielte Indiskretionen sind bereits einige Einzelheiten an die Öffentlichkeit gedrungen. Danach bleibt auch in diesem Jahr die erwartete Buch-Revolution aus: Papier wird sich weiterhin als bevorzugtes Material behaupten, und die Seiten bleiben bedruckt. (Suhrkamps weiße Blätter in „Ränder“ waren doch wohl nur eine Randerscheinung.)

Auch die Interpunktion ist, allen Gerüchten zum Trotz, beibehalten worden. Rowohlt stellt sogar das Semikolon wieder mehr in den Vordergrund, und Piper schreibt für die Morgenlektüre als eigenwillige Applikation das „!?“ vor, eine Kombination, mit der Stahlberg in den fünfziger Jahren seinen aparten Arno-Schmidt-Look kreierte. Fast alle Verlage verzichten jedoch auf das Lesezeichen. Dieser schon im Frühjahr sich ankündigende Trend ist typisch für den Stil dieser Saison: man gibt sich sportlich-schlicht. Seide tritt zurück gegenüber dem Leineneinband; Erstausgaben in lackierter Pappe werden das Straßenbild des kommenden Winters mehr und mehr beherrschen.

Der Trend zum kurzen Roman hält weiter an. Besorgte Herren, die ein Wiederaufleben des dicken Wälzers befürchteten, können aufatmen. Schlank und kurz sind die Kennzeichen modischer Texte. Wie schon im vorigen Jahr enden fast alle neuen Modelle bereits auf der vorletzten Seite. Viele Verlage bieten extravagante Klappentexte an, die von mutigen Lesern an Stelle des eigentlichen Romans gelesen werden können.

Schließlich noch eine beruhigende Nachricht für alle Haushaltungen, in denen ein neues Buch auch ein finanzielles Problem darstellt: Von Grass, Walser, Böll, Frisch und Johnson erscheint in dieser Saison nichts neues, so daß deren alte Bücher weiterhin kunstvoll auf dem Teetisch arrangiert werden können.

Daß aber trotz festlicher Halblederrücken mit Goldprägung das Büchermachen auch seine Probleme hat, deuten einige Kritiker an. Auf den ungeheuren Bücherberg anspielend, fragen sie verzweifelt: „Wer soll das denn alles lesen?“

Die Verleger sind jedoch optimistisch: „Kein Mensch soll das lesen. Kaufen sollen’s die Leute!“