Von Beate Sand

In Mexico City und Tokio, in Rom und Paris attackieren Studenten das Establishment, und in Warschau und Prag artikulierten sie ihren Unmut über die Verhältnisse genauso wie in Frankfurt und Westberlin. Hier wie dort versuchen die Verantwortlichen die Gratwanderung zwischen Nachgiebigkeit und Härte, zwischen Bereitschaft zu Reformen und Erhaltung staatlicher Autorität: Sie versuchen die Hochschullehrer zu neuen Modellen akademischer Kooperation anzuregen und die Studenten in ihren Aktivitäten zu bremsen.

In dieser fast uniformen internationalen Landschaft klingen die aufmunternden Worte verwunderlich, die ein alter Mann, hochoben an der Spitze eines Establishments, den Studenten seines Landes zurief: „Wir kritisieren... die Studenten heute, weil sie noch nicht aktiv genug an der Hochschulreform mitarbeiten. Wir sagen ihnen: Wartet nicht ab, wie die Alten die Hochschulreform machen. Entwickelt selbst ein Programm, wie ihr die Hochschulreform gemeinsam mit den Professoren in den einzelnen Zweigen durchführen wollt.“

Der Mann, der dies sagte, heißt Walter Ulbricht. Er sagte es Ende April, als er die Universitätsstadt Jena besuchte. Das war im letzten halben Jahr der Höhepunkt einer ganzen Serie von Konferenzen und Treffen – einer Kampagne für die Hochschulreform in der DDR.

Wie kommt es, daß Ulbricht die Studenten zur Aktivität auffordern kann, während die Politiker anderer Länder studentisches Ungestüm zumeist zügeln müssen? Zur Begründung gehört sicher, daß ein durchreglementierter Studienbetrieb (übrigens in nicht überfüllten Hörsälen), der in ein festes gesellschaftspolitisches Konzept eingebettet ist, kein Boden ist, der Eigeninitiativen üppig wuchern läßt.

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Die SED selbst hatte schon im März 1966 ein im damaligen Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen ausgearbeitetes Reformprogramm für die Universitäten vorgelegt. Sie hatte damit die Reform zum politischen Programm gemacht, noch ehe aus den Universitäten dazu gedrängt wurde. Auf solche Weise spielt deshalb das Establishment der DDR gegenüber Studenten und Professoren die Rolle einer auf Fortschritt drängenden Kraft.

Die aktuellen Anstrengungen zur schnellen Verwirklichung der 1966 verkündeten Reformpolitik stehen aber gewiß nicht nur im zeitlichen, sondern auch im ursächlichen Zusammenhang mit den Ereignissen in der ČSSR, den studentischen Unruhen in Polen und der besonders gespannten Situation an den Universitäten der Bundesrepublik. Schließlich waren fast zwei Jahre seit der ersten Veröffentlichung der Reformpläne ohne wesentliche Fortschritte verstrichen. Der Wunsch, den Universitätskörper zu immunisieren, bevor der Bazillus studentischer Aufsässigkeit auch die DDR-Kommilitonen infiziert, kann die derzeitige Eile zutreffend erklären.